Hat die Brust eine biologisch vorprogrammierte sexuelle Funktion?

Auszug aus einer E-mail an die Mailingliste "wirstillen" vom 25.9.2005:

(.....) Die Brust ist uns von der Natur dazu gegeben worden, dass wir unsere Kinder ernaehren und zwar nicht nur den Koerper sondern auch die Seele. In vielen Voelkern hat die Brust keinerlei sexuelle Funktion. Dass wir die Brueste als ein Sexualattribut betrachten hat einen rein kulturellen Ursprung, ihre natuerliche Funktion ist jedoch die Versorgung unserer Kinder. In China wurden frueher die Maenner sexuell erregt, wenn sie eine Frau mit kleinen, zierlichen Fuesschen sahen........ und aus diesem Grund mussten ganze Generationen von Maedchen und Frauen unertraegliche Torturen leiden, indem man ihnen die Fuesse band, damit sie so klein und zierlich blieben.(.....)

Gruesse
Ulrike S.


Mail vom 28.9.2005:

Hallo liebe Ulrike!

Mir hat Deine Geschichte von eurer Stillbeziehung sehr gefallen und imponiert. Auch ich bin mittlerweile ab von der gängigen "sechs-Monats-Einstellung".

Nur in einem Punkt bin ich nicht so ganz Deiner Meinung. Ich glaube keineswegs, daß die weibliche Brust nur durch kulturelle Einflüsse sexualisiert wurde. Sie ist immerhin ein höchst empfindsames weiches und wohlgeformtes Körperteil der Frau und wie ich finde, kaum mit Füßen zu vergleichen. Auch der Geschlechtsakt wurde von der Natur so eingerichtet, daß er den Menschen Freude macht, denn sonst würden sie sich nicht vermehren.Die weibliche Brust ernährt das Kind und das erzeugt bei Mutter und Kind schöne körperliche Gefühle. Die Frage ist meiner Meinung nach, wie man Sexualität definiert, sie hat in unserer Gesellschaft sicherlich verzerrt und deformiert. Vor allem das Thema Erotik im Zusammenhang mit dem Stillen scheint ein großes Tabuthema zu sein. Ich glaube, viele Frauen trauen sich nicht, den Männern einzugestehen, daß sie Konkurrenz haben, wahrscheinlich können diese das auch kaum verstehen. Ich weiß nicht, ob hier in der Liste das Buch von Barbara Sichtermann"Leben mit einem Neugeborenen" schon bekannt ist. Sie hat ein sehr schönes Kapitel über das Stillen geschrieben und behandelt ausführlichst das Thema Sexualität zwischen Mutter und Kind.

Ulrike, ich hoffe, Du nimmst einem jungen " Stillhüpfer" wie mir diesen Einwand nicht übel.

Liebe Grüße
Catrin


Mail vom 30.9.2005

Liebe Catrin,

Auf keinen Fall nehme ich Dir Deinen Einwand uebel, die Liste ist ja dazu da, dass wir uns austauschen und unsere verschiedenen Gesichtspunkte darstellen. Das hilft uns allen, eine Sache auch aus einem anderen Winkel zu betrachten, und dazuzulernen.

Es stimmt, die Brustwarze ist sehr empfindlich und man moechte glauben, dass das ein Beweis sei, dass sie eine biologisch vorgesehene sexuelle Funktion hat. Auf der Liste Lactnet (englischsprachige Mailingliste fuer Stillexperten) wurde schon des oefteren heiss ueber dieses Thema diskutiert und die Anthropologin Katherine Dettwyler PhD erklaerte in unzaehligen Mails, warum die Brust, auch wenn sie in unserer Kultur als Sexsymbol betrachtet wird, aus anthropologischer Sicht keinerlei sexuelle Funktion hat. In dem hochinteressanten Buch "Breastfeeding - biocultural perspectives" von dem sie Co-autorin ist, widmet sie diesem komplexen Thema ein langes Kapitel: " Beauty and the Breast".

Auch bei der Liste Lacnet wurden genau die gleichen Einwaende gemacht, und es wurde genauso argumentiert, das heisst, dass wir einfach eine verzerrte Auffassung der menschlichen Sexualitaet haben. Es wurden auch mehrere andere Argumente aufgezaehlt, die *fuer* eine Rolle der Brust beim Sex sprechen und unter anderem wurde der Zoologe Desmond Morris zitiert, der die Auffassung vertritt, dass die Rundung der weiblichen Brust die Rundung des Hinterteils imitieren soll, weil beim Menschen, entgegen den anderen Saeugetieren, die Stellung beim Sexualakt normalerweise so ist, dass sich die Partner dabei in die Augen schauen und der Mann dabei die Brust sozusagen, ganz grob gesagt, als Hinterteilersatz braucht, um sexuell stimuliert zu werden.

Ich finde, dass das ein sehr wichtiges Thema ist, da wir in einer Kultur leben, wo sich viele Muetter zum Stillen verstecken, sobald das Baby die sechs-Monate-Grenze ueberschritten hat, und in einigen Faellen sogar schon viel frueher (obwohl die normale Stilldauer beim Homo sapiens 2,5 - 7 Jahre ist), wo viele Muetter erst gar nicht mit dem Stillen anfangen, um die Form der Brust nicht zu gefaehrden, wo Maenner ihren Frauen das Stillen verbieten, weil sie "ihre" Brust nicht mit einem Saeugling teilen wollen, wo Maenner ihre Frau waehrend der Stillzeit sexuell wenig attraktiv halten, weil aus der Brust Milch kommt, wo sich Frauen einer Operation unterziehen, um ihre Brust gemaess der derzeitigen Mode verstuemmeln zu lassen, um beim anderen Geschlecht Erfolg zu haben, wo Muettern, die laenger als ein Jahr stillen vorgeworfen wird, es aus "anderen" Gruenden zu tun, was auch ich mir schon oefters anhoeren musste.

Ich kenne das Kapitel aus Barbara Sichtermann's Buch "Leben mit einem Neugeborenen" und las es soeben nochmals, aber wenn ich ihre Argumentationen mit denen von Katherine Dettwyler vergleiche, kommen mir die der Zweitgenannten bei weitem logischer und auch wissenschaftlicher vor. Barbara Sichtermann beginnt das Kapitel einfach damit, dass sie kurzweg behauptet, dass Stillen ein Teil unsere Sexuallebens ist, ja dass das Stillen eine Art Sexualakt ist. Sie gibt keine Beweise dafuer an, sondern alles, was sie danach schreibt, geht von dieser Aussage aus, als ob es einfach eine Tatsache waere. Dabei handelt es sich einfach um ihre Meinung und um ihre Eindruecke, nicht mehr und nicht weniger. Fuer mich ist es zum Beispiel kein Beweis, dass die Brust ein sexuelle Funktion hat, wenn sie von den aeusseren Aehnlichkeiten des Stillens mit dem Geschlechtsakt schreibt. Ich bin mit ihr und Dir einer Meinung, dass die Rolle, die die menschliche Sexualitaet in unsere Gesellschaft hat, sehr verzerrt ist, weil sie oft als etwas Schmutziges dargestellt wird, daher wird auch das Stillen eines Babys/Kleinkindes als "Abartig" gesehen, fast mit Inzucht zu vergleichen.

Barbara Sichterman erwaehnt am Anfang: "Wenn man der Natur eine Absicht unterschieben will, so koennte man sagen, dass sie die Fortpflanzung der Arten durch die Lustpraemie sichert, die sie auf die Zeugung setzt, und wir koennen auch hinzufuegen, sie sichert das Ueberleben der Neugeborenen durch die Lust, die Mutter und Kind am Stillen finden."
Nun, Dettwyler antwortete auf ein aehnlich formuliertes Argument, dass diese Aussage auf ein grundsaetzliches Missverstaendnis des Mechanismus der Evolution durch natuerliche Auslese zurueckzufuehren ist. In der gesamten Vorgeschichte und Geschichte und auch heute haben stillende Frauen einen groesseren Erfolg bei der Erhaltung der Spezie, ihre Kinder hatten eine groessere Ueberlebenschance, weil Stillen den Kindern einen gesundheitlichen Vorteil schafft. Stillende Muetter hatten daher eine groessere Zahl ueberlebender Kinder - was der Massstab ist, mit dem von der natuerlichen Auslese der Fruchtbarkeitserfolg gemessen wird. Ob Stillen fuer die Frauen mit angenehmen Gefuehlen verbunden war, hatte nichts zur Sache getan, das heisst, fuer die natuerliche Auslese galt nur die Ueberlebenschance der gestillten Kinder. Solange das Stillen einen Ueberlebensvorteil schafft, wird es von der natuerlichen Auslese gefoerdert werden.

Wenn es stimmen wuerde, dass die weibliche Brust eine biologische Rolle bei der menschlichen Sexualitaet spielt, dann waeren wir die einzige Spezie *aller* Saeugetiere, bei der das der Fall ist.

In einer Studie, aus dem Jahr 1952 untersuchten Ford and Beach die sexuelle Verhaltensweise von 190 Voelkern in Teilen der ganzen Erde. Von diesen 190 Voelkern sahen nur bei 13 die Maenner die Brust als ein Sexualobjekt an und bei 13 (nicht die gleichen 13 wie vorher, nur bei 3 ueberschnitten sich diese Daten) hatte die Brust eine Funktion vor und waehrend des Geschlechtaktes. Bei alle uebrigen Voelker galt die Brust bei den Maennern das, was bei unseren Maennern zum Beispiel der Ellbogen einer Frau gilt. Die Brust ist fuer sie einfach ein funktioneller Teil des Koerpers, der dazu dient, die Kinder grosszuziehen.

Das, nur um zu klaeren, dass die Tatsache, dass in der westlichen Welt die Brust als Sexobjekt gilt, nicht in unseren Genen geschrieben steht, sondern kulturell angelernt ist. Unsere Maenner werden durch den Anblick der Brust sexuell erregt, weil sie es von klein auf gelernt haben, dass sie so darauf reagieren "muessen" und Frauen finden die Stimulierung der Brustwarze als sexuell erregend, weil auch sie nie etwas anderes gehoert haben. Beide assozieren also die Brust mit Sex und das fuehrt dann dazu, dass einige Frauen beim Stillen Lust verspueren, und sogar orgasmusaehnliche Gefuehle haben. Ich denke, dass der Sex vom Gehirn gesteuert wird und nicht von dem einen oder anderen Koerperteil. Dann muesste ja auch eine Frau, die gegen ihren Willen zum Sex gezwungen wird, Lustgefuehle haben. Dass sie diese nicht hat, beweist doch auch nicht, dass die Vagina keine Rolle bei der sexuellen Erregung hat, oder? Prostituierte haben so gut wie nie einen Orgasmus, wenn sie mit ihren Kunden zusammen sind. Warum? Weil ihre Gefuehle und ihr Verstand das ganze als Arbeit und Geschaeft ansehen. In gleicher Weise beginnt auch die Rolle der Brust bei der sexuellen Erregung beider Geschlechter. Im Gehirn. Mit der Gehirnwaesche um genauer zu sein. Nur eine Minderheit der Weltbevoelkerung assoziert die Brust mit Sex.

Die Brust ist nicht einmal so besonders empfindsam, mit anderen Koerperteilen verglichen. Nur an der Brustwarze, rund um die Montgomerydruesen befinden sich einige Nervenendungen, an fast allen anderen Teilen der Brust koennen nur relativ wenige oberflaechlich situierte Nervenendungen jeglicher Art gefunden werden. Ich denke, dass der Mund weit sensibler ist. Trotzdem gehen wir auch nicht mit einem Tuch vor dem Mund herum und ziehen uns zum Essen ins einsame Kaemmerlein zurueck.

Dass Stillen normalerweise angenehme Gefuehle hervorruft, ist richtig. Falsch ist, einfach pauschal zu behaupten, dass alle angenehmen koerperlichen Gefuehle automatisch sexuelle Gefuehle sind. Ich hatte beim Stillen, und ich stillte Lorenzo sechs Jahre lang, nicht ein einziges Mal sexuelle Gefuehle, nicht einmal andeutungsweise. Das heisst nicht, dass ich dabei keine angenehmen Gefuehle hatte, aber die waren anderer Art. Es war die Freude, etwas Gutes fuer Lorenzo zu tun, zu sehen und spueren, wie sich sein kleiner Koerper langsam entspannte, wie er kurz vor dem Einschlafen ganz warm wurde, der Stolz, mit meinem Koerper einen kleinen Menschen wachsen zu lassen, die Erleichterung, wenn er sich weh getan hatte oder fieberte, ihn durchs Stillen troesten zu koennen, das starke Gefuehl der Bindung, die Streicheleinheiten, die wir uns gegenseitig durch diese enge Naehe gaben und vieles mehr. Es gibt, wie gesagt, eine Menge angenehmer koerperlicher Gefuehle, wie zum Beispiel, wenn man sich an einer juckenden Hautstelle kratzt, oder wenn man sich nach einem langen Stadtrundgang die engen Schuhe auszieht. Angenehme koerperliche Gefuehle sind nicht automatisch sexueller Natur.

Wie sicher jede von Euch bestaetigen kann, ist das Stillen nicht immer mit angenehmen Gefuehlen verbunden, oft moechte man lieber irgendetwas anderes machen, oder an einem Tag, an dem das Kind andauernd an die Brust will, geht es einem auf den Wecker, oder wenn einem die Brustwarzen weh tun, oder wenn man noch das Abendessen herrichten muss, usw.

Dettwyler fuehrt auch als Beispiel die Rueckenmassage an. Wenn eine Frau von einem Mann im Schlafzimmer, bei gedaempftem Licht, romantischer Hintergrundmusik usw. den Ruecken massiert bekommt, so kann man annehmen, dass das beide sexuell stark erregen wird. Wenn jedoch die gleiche Frau nach einem Autounfall von einem Therapeuten den Ruecken massiert bekommt, ist es eher die Ausnahme, wenn sie sich dadurch sexuell erregt fuehlt (na ja, es kommt ganz auf den Therapeuten an :-) ). Jedenfalls wird das vom Gehirn gesteuert. Wenn mir zum Beispiel der oben erwaehnte Mann nicht gefaellt, nuetzt das ganze gedaempfte Licht, die romantische Musik usw. nichts, da kann er mir noch so sanft den Ruecken massieren.

Jeder Koerperteil kann erotisch sein und daran ist nichts, aber auch gar nichts Negatives. Negativ an der Sache mit der Brust=Sexobjekt ist, dass dadurch dem rechtmaessigen Nutzniesser die Brust mit all ihren Assessoirs, mit denen sie von der Natur ausgestattet wurde, streitig gemacht wird.

Es gaebe noch weit mehr zu sagen, aber meine Mail ist jetzt schon wieder einmal viel zu lang geworden, aber nichts im Vergleich zum Kapitel "Beauty and the Breast". Das geht von Seite 167 bis Seite206, ganz klein gedruckt.

Liebe Gruesse
Ulrike

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Ulrike Schmidleithner    info(at)uebersstillen.org
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