Sehr geehrtes Ravensburger-Team!

Eine E-mail von mir an den Ravensburger Spieleverlag, geschrieben am 14.8.2005

Sehr geehrtes Ravensburger-Team,

Seit vielen Jahren kenne und schaetze ich Ihre Spiele, zuerst selbst als Kind und Jugendliche (meine Mutter kaufte uns fast ausschliesslich Ihre Spiele, weil sie einfach qualitativ sehr wertvoll sind) und jetzt fuer meinen fast sechsjaehrigen Sohn Lorenzo.

Gestern kaufte ich ihm das Spiel "Lach dich schlapp" und abends weihten wir es dann zusammen mit Lorenzo's Oma ein. Das Spiel gefiel uns allen sehr und Lorenzo amuesierte sich ueber die komischen Saetze, die da zustandekommen. Ploetzlich jedoch hatte ich eine Karte in der Hand, die mich ehrlich gesagt, weniger amuesierte. Es ist die Karte, die den Vater darstellt. Er haelt ein Baby im Arm und fuettert es mit der Flasche. Mit etwas wohlwollender Fantasie, kann man sich wohl vorstellen, dass sich in der Flasche abgepumpte Muttermilch befindet, aber um zu diesem Schluss zu kommen, muss man schon sehr mit der Materie vertraut sein. Ich bezweifle stark, dass ein 6-12jaehriges Kind (das ist gemaess der Aufschrift der Spielschachtel das Zielalter dieses Spieles) solche Schluesse zieht, es sei denn, es hat ein juengeres Geschwister, das, wenn die Mutter mal nicht da ist, vom Vater abgepumpte Muttermilch bekommt.

Ich denke, dass Sie mit Ihren Spielen, von denen ich sehr viel halte und fuer die ich Ihnen bei dieser Gelegenheit wirklich herzlich danken moechte, eine gewisse Verantwortung tragen, weil Kinder, wie Sie am Besten wissen, sehr aufnahmefaehig sind, und eine unglaubliche Beobachtungsgabe haben. Es steht fuer mich zweifelsohne fest, dass die- oder derjenige, der diese Karten illustriert hat, sich dessen auch bewusst ist, und dass er/sie sich Gedanken darueber gemacht hat. Warum ich das glaube? Weil die Zeichnungen der Karten, die die Mutter und den Vater darstellen, dem Kind eine "moderne" Sichtweise der Elternrollen vermitteln sollen, was ich selbstverstaendlich als absolut positiv betrachte. Die Mutter liest Zeitung, und der Vater gibt dem Baby die Flasche. Wenn ich den Auftrag gehabt haette, diese beiden fuer das Kind so wichtigen Personen fuer dieses Spiel darzustellen, haette ich den Vater sehr wohl in der Richtung dargestellt, wie es die Absicht des Zeichners war, aber eben nicht beim Flaschenfuettern, sondern zum Beispiel mit einem (natuerlich etwas groesseren Baby) auf seinem Ruecken sitzend, oder waehrend er es badet, oder waehrend er es mit dem Loeffel fuettert usw. es gibt da viele Moeglichkeiten fuer den Vater. Leider wird (hauptsaechlich von der Muttermilch-ersatzindustrie) seit Jahren auf subtile Art darauf hingewiesen, dass es sich fuer einen modernen Vater gehoert, dass er einerseits um seine Frau zu unterstuetzen, und andererseits um einen engen, liebevollen Kontakt mit seinem Neugeborenen aufzubauen, die Flasche zu geben. Es ist sehr leicht, sich den Grund vorzustellen, aus dem dieses Bild den Leuten, und leider auch schon kleinen Kindern eingepraegt werden soll. Der weltweite, *taegliche* Umsatz der Flaschenmilchindustrie betrug 1995 ca. 22 Millionen US-Dollar. Um eine andere Zahl zu nennen: gemaess der UNICEF sterben jaehrlich 1,5 Millionen Kinder weil sie nicht gestillt werden (hauptsaechlich in den Entwicklungslaendern, wo sauberes Wasser fehlt, und weil das Pulver aufgrund von Ignoranz und Armut stark verduennt wird usw. Trotzdem die Flaschenmilchindustrie das alles genau weiss, macht sie aggressive Propaganda fuer ihre Produkte. Hauptsache die Kasse klingelt).

Ich bin mir sicher, dass es nicht Ihre Absicht ist Sechs- bis Zwoelfjaehrigen einzupraegen, dass das Fuettern mit Flaschenmilch die normale Art ist, Babys zu fuettern. Wenn ich das glauben wuerde, wuerde ich mir nicht die Muehe genommen haben, Ihnen diese E-mail zu schreiben, weil es voellig nutzlos waere. Ich bin mir aber sicher, dass Ihnen das Wohlergehen der Kinder sehr wichtig ist, das kann man deutlich daran erkennen, dass Ihre Spiele aeusserst kreativ und lehrreich sind, und ausserdem legen Sie auch grossen Wert auf gutes Material und auf eine sehr ansprechende optische Qualitaet.

Ich glaube ausserdem, dass es nicht notwendig ist, Ihnen die Wichtigkeit des Stillens und die sich immer mehr anhaeufenden Beweise der grossen Risiken, die das Fuettern mit Flaschenmilch (statistisch gesehen, also nicht auf jede Einzelperson bezogen) mit sich bringt, zu erklaeren, da Ihnen das sicher bekannt ist. Das ist der Grund, warum ich denke, dass es wichtig ist, den Kindern schon von klein auf zu vermitteln, das Stillen die **Norm** ist. In wenigen Jahren sind diese Kinder selber Eltern und die Entscheidung, ob sie ihre Kinder stillen hat ihre Wurzel in den vielen Eindruecken, die sie von ganz klein auf sammeln in ihrem Unterbewusstsein mit sich herumtragen.

Ich wuerde mich ueber Ihre Antwort sehr freuen.

Mit freundlichen Gruessen

Ulrike Schmidleithner



Zwei Tage spaeter bekam ich folgende Antwort vom Ravensburger Spieleverlag:


Sehr geehrte Frau Schmidleithner,

wir möchten uns herzlich für Ihre ausführliche Mail bedanken! Wir sind auf Anmerkungen und Kritik bezüglich unserer Produkte auf Kunden wie Sie angewiesen, denn das hilft uns, unserer Produkte ständig zu verbessern.

Wir stimmen Ihnen zu, dass im Hinblick auf die vielen Einflüsse, die auf unsere Kinder einwirken, es wichtig ist, dass bestimmte Werte an unsere Kinder weitergegeben und so erhalten werden können. Besonders Produkte, die für die Zielgruppe bestimmt sind, müssen bestimmte Kriterien erfüllen, die dem Anspruch gerecht werden, Kindern auf dem Weg ins Erwachsen werden zu helfen und zu unterstützen.

Wir bemühen uns ständig, diesem Anspruch gerecht zu werden. Fortbildungen und der ständige Kontakt zu Kindern und Erzieher/Innen stehen auf der Tagesordnung. Unsere Produkte durchlaufen mehrere Testphasen, bevor wir Sie auf den Markt bringen. Trotz dieser Maßnahmen passieren Fehler.

Deswegen nehmen wir jede Kritik und Anregung von Kunden sehr ernst. Sollte dieses Produkt in einer neuen Auflage auf den Markt kommen, werden wir Ihre Bedenken bezüglich der zu Fehlinterpretation verführenden Illustration anbringen.

Wir wünschen Ihnen trotzdem weiterhin viel Spaß mit Ravensburger Spielen!

Freundliche Grüße aus Ravensburg
Daniela Reischmann
Ravensburger Spieleverlag GmbH
Redaktion Kinderspiele
http://www.ravensburger.de



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