"Die gesundheitlichen Vorteile des Natuerlichen Abstillens fuer die Frau"

Den folgenden Beitrag schrieb Marleen, Studentin der Oecotrophologie und Stillberaterin AfS am 28.11.03 im Forum von Sat1 anlaesslich des am 25.11.03 ausgestrahlten Beitrags ueber das "Langzeit"stillen.

Hallo,

ich ärgere mich sehr, den Bericht zum Thema Langzeitstillen nicht gesehen zu haben, zumal ich das Vergnügen hatte, Dr. Michael Abou-Dakn vor kurzem im Rahmen des Deutschen Still- und Lactationskongresses persönlich kennenlernen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob es im Beitrag erwähnt wurde, aber ich "oute" Dr. Abou-Dakn jetzt als Lactationsberater IBCLC, wie er sich seit diesem Sommer ebenfalls nennen darf! Ich bin seit längerem im Forum von Netdoktor tätig und schrieb vor kurzem einen Beitrag zum Thema Frauengesundheit, den ich hier noch einmal hinein kopieren möchte. Die vielfältigen Vorteile für das gestillte Kind wurden hier ja schon gut hervorgehoben, so daß ich nochmal kompakt auf die Vorteile der stillenden Mütter eingehen möchte.
Ich möchte damit nochmals diejenigen Mütter bestärken, die sich für das Natürliche Abstillen entschieden haben.

Trotzdem nochmals eine kleine Bitte an Alle:

Es geht beim Thema Langzeitstillen nicht ums Missionieren. Es soll auch nicht der Eindruck erweckt werden, daß es hier um einen Wettbewerb zur "besten Mutter" geht. Stillen ist eine Beziehung zwischen Mutter und Kind und muß ganz individuell betrachtet werden. Was für ein Stillpaar harmonisch und schön ist, muß es für ein anderes Paar nicht sein.

Aber gerade weil das natürliche Abstillen soviel erwiesenermaßen positive Effekte hat, bitte ich um Toleranz und Respekt gegenüber den Mütter, die sich für diesen Weg entscheiden, genauso, wie jede Mutter Respekt verdient, egal ob sie ihr Kind mit oder ohne Muttermilch großzog.
Keine Frau muß sich für ihre Entscheidung rechtfertigen, weil sie sie zum Wohle der ganzen Familie fällte.

Hier folgt also mein Netdoktor-Beitrag auf die von mehreren Frauen gestellte Frage, warum ihr Zyklus in der Stillzeit auf sich warten lasse und was nun genau mit ihrem Körper "passiere" :

Das scheint ein Thema zu sein, das hier gleich mehrere interessiert, aber anscheinend leider nicht von Euren Frauenärzten während der Abschluß-Untersuchung nach der Geburt angesprochen worden ist - obwohl es eigenlich in seinem Interesse sein sollte...

Das Phänomen, das Du beschreibst und auch Ihr anderen beobachtet, ist ein völlig normaler Vorgang im Leben einer stillenden Frau. Im Folgenden versuche ich Euch leicht verständlich zu erklären, warum Euer Zyklus ausbleibt, wie man sich diese Tatsache zunutze machen kann ( Empfängnis-Schutz) und welche kurz-, mittel- und langfristigen Effekte SSW und Stillzeit auf Eure eigene Gesundheit haben. Dazu dann auch ein paar Zahlen, die ich frisch vom Still-Kongress mitgebracht habe.

Stillen hat unglaublich viele positive Effekte auf Eure Gesundheit:

kurzfristig:

  • Der Ausstoß des Hormones Oxytozin unmittelbar nach der Geburt und in den ersten Tagen sorgt für weniger Blutverlust post partum, weil sich die Gebärmutter besser und schneller zusammenzieht. Viele von Euch kennen das aus dem KH, die Stillzeiten lösten die "Nachwehen" aus.
  • dadurch ist auch das Endometritis-Risiko geringer, weil die Gebärmutter immer weniger Keimen Ansiedelung bietet, je kleiner die Wundhöhle ist.
mittelbar:
  • durch das Stillen ist der Fettabbau beschleunigt, auch sorgen Prolactin und Oxytozin für das Schmelzen der Depots um Bauch und Hüfte
  • das führt zu dem bei vielen Frauen erwünschten Effekt der mühelosen Gewichtsreduktion
  • Prolactin wird nicht ohne Grund das "Mütterlichkeitshormon" genannt. Prolactin läßt die Mütter besser entspannen und fördert das Bonding zwischen Mutter und Kind, verringert das Risiko einer postnatalen Depression.

So, und nun zum Effekt, der Euch jetzt unmittelbar am meisten interessiert:

- die Hormone in der Stillzeit sorgen für ein Einstellen der Eireifung und das Ausbleiben der Periode, man nennt das Lactations-Amenorröe, sie ist physiologisch und gesundheitsfördernd, darauf komme ich später noch einmal. Diese Phänomen kann man sich jetzt zunutze machen, nämlich zur Empfängnisverhütung. Die Lactations-Amenorröe-Method (LAM) wird von der WHO empfohlen und ist auch mittlerweile bei vielen Ärzten anerkannt. Folgendes sollte beachtet werden, um erfolgreich zu verhüten:

  • keine Schnuller und Flaschen verwenden
  • mindestens 90-120 Minuten in 24 Stunden stillen
  • Stillpausen nicht länger als vier Stunden (tags), bzw sechs Stunden (nachts)
  • nicht zufüttern

Unter Einhaltung dieser Regel erreicht frau in den ersten sechs Monaten einen Pearl-Index von 1, das ist so sicher wie ein Kondom oder die Sterilisation. Danach steigt der Pearl-Index auf 3,7 - 7,4 an, das entspricht der Versagerquote der Zyklus-Computer.

Viele Frauen, die über das erste Jahr hinaus stillen, bekommen die erste Blutung um den 14.-18. Monat herum, unabhängig davon, ob sie noch länger stillen. Dieser Blutung geht meist noch kein Eisprung voraus ( ca.2%), aber es ist ein eindeutiges Zeichen, daß der Körper so langsam wieder den Fruchtbarkeitszyklus hochfährt. Dazu eine interessante Statistik:

Die Durchschnittsfrau kann, sofern sie nicht stillt, in ihrer fruchtbaren Phase ca 15 Kinder gebären. Eine Frau, die nach Bedarf stillt und ein natürliches Abstillen praktiziert - Stillzeit 2,5 - 3 Jahre -, gebärt aber nur fünf Kinder. (Interessant auch für die Problematik in den Entwicklungländern, deren Bevölkerung zu explodieren droht, aufgrund des Rückgangs der Stillquote, hervorgerufen durch massivste Werbung der Säuglingsnahrungshersteller. Aber das ist ein anderes Thema...)
Ihr seht, LAM ist zumindest in der ersten Stillzeit eine gute Alternative zur östrogenfreien Pille.

langfristig:

  • die Gefahr der Osteoporose wird gemindert
  • auch Auto-Immunerkrankungen wie einige Formen des Rheuma, Bauchspeicheldrüsenentzündung und Diabetes werden seltener beobachtet
Weniger Carcinome:
  • Ovarial-Carcinom. Hier ist der Effekt am deutlichsten zu erkennen. Durch SSW und Stillen senkt sich das Risiko durchschnittlich um 40-50%. Jeder Monat, der gestillt wird, senkt das Risiko um 1%.
  • Endometrium-Carcinom. Durch eine 12monatige Stillzeit wird das Risiko um 25% gesenkt.
  • Mamma-Carcinom. Die Risiko-Reduktion liegt bei 7% pro SSW und Geburt und 5 % pro gestilltem Jahr. Außerdem ist bekannt, daß späte Mütter, die vorher hormonell verhütet haben, auch weniger an Mamma-Carcinomen erkranken.
Somit kann bei gleichzeitiger "natürlicher" Stilldauer - das Kind stillt sich von selbst ab - das Risiko eines praemenopausalem Mammacarcinoms um ca 17-40%, eines postmenopausalem Carcinoms um sogar deutlich über 40% gesenkt werden. In unserer heutigen Zeit klare Zahlen...

Es gibt für dieses Phänomen mehrere Theorien, die ich unkommentiert lasse:

  • erniedrigte Östrogenspiegel in den Milchgängen, auch über die Stillzeit hinaus
  • erhöhter Stoffwechsel der Brust
  • alte Fettdepots der Brust werden abgebaut
  • Prolactinspiegel steigt langfristig - direkter antitumoröser Effekt
  • allgemeine Gewichtsreduktion
  • positive Verstärkung des Immunsystems durch Haut/Körperkontakt ( psychoimmunologischer Aspekt des Stillens)

So, ich hoffe, ich habe Euch nicht zu sehr gelangweilt, aber ich wollte angesichts der SuSe-Studie zeigen ( weniger als 10% der Mütter stillen nach dem 6.Monat), wie wichtig es ist, auch zu sehen, daß man mit dem Stillen eines Kindes nicht nur dem Baby zum optimalen Start ins Leben verhilft, sondern auch seine eigene Gesundheit langfristig schützt.

Ich möchte Dr. Abou-Dakn auf diesem Stillkultur für seinen gelungenen Vortrag zu diesem Thema im Rahmen des Still- und Lactationskongresses danken, ohne den ich diese Zusammenfassung nicht hätte schreiben können.

Für alle, die dem Thema Natürliches Abstillen und den derzeitigen Erkenntnissen offen sind, ohne sich gedrängt fühlen, dies alles umzusetzen hier noch ein paar Lese-Tipps:

"Vom Glück des Stillens" v. Eva Hermann, Hoffmann und Campe, Sachbuch (!)

"Wir stillen noch" v. Norma Jean Bumgarner, LLL, Sachbuch

www.uebersstillen.org
www.lalecheliga.de
www.afs-stillen.de
www.stillen-info.de

Auf der Seite www.uebersstillen.org möchte ich besonders hervorheben die Artikel der Anthropologin Katherine Dettwyler zum Natürlichen Abstillen und von Jack Newman zur veränderlichen Zusammensetzung der Muttermilch im Laufe der Stillzeit.

Danke für Eure (Lese-)Geduld,

liebe Grüße,

Marleen, Studentin der Oecotrophologie und Stillberaterin AfS + Stillkind Nikolas Finn (*01.Mai 02)


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