Uebers Stillen-mared  


Meeresduft

Lorenzo (3Jahre 9Monate) hat zum ersten Mal die Nacht fern von mir verbracht. Ich kann noch gar nicht glauben, dass es so reibungslos gelaufen ist.

Wir waren zum Wochenende von Freunden an deren Haus am Meer eingeladen. Ich konnte nicht hinfahren, da ich gerade eben eine Angina hinter mir hatte und keinen Rueckfall riskieren wollte. Lorenzo wollte jedoch unbedingt ans Meer fahren, und begann gleich seinen "Koffer" zu packen. Er nahm die Kuehltasche, die noch vom letzten Picknick am vorangegangenen Sonntag in der Kueche herumstand, und packte hinein: Zwei soeben erstandene gelbe Schlaeger, einen roten Schaumstoffball, eine Angel, die aus einem Zweig mit darangebundenem langem Gummiband voller Knoten besteht. Dieser fungiert abwechselnd als Angel und als Bogen. Dazu muss man je nach Lorenzo's Anweisungen einmal das Gummiband auch an dem anderen Ende des Zweiges befestigen (=Bogen) und dann wieder die entsprechenden Knoten loesen (= Angel). Er spielt damit schon monatelang und man sieht's dem Stecken auch an! Dann packte er noch seinen Fotoaparat ein, bei dem man beim Durchschauen und "Fotografieren" Szenen aus dem Buch "Pinocchio" sieht, und den Schluesselbund unserer alten Wohnung, die er aus seiner alten Spieldose hervorgeholt hatte. Lauter sehr wichtige Sachen!

Ich erklaerte ihm, dass ich krank sei, und daher nicht ans Meer fahren koenne. Das mache nichts, dann fahre er eben mit dem Papa allein. Wir machten ihn darauf aufmerksam, dass sie dort uebernachten wuerden, und dass es weit weg sei, von zu Hause (und von mir). Das nahm er alles in Kauf. So beschlossen wir, das Experiment zu versuchen. Falls er ploetzlich einen Anfall von Mammasehnsucht haben sollte, wuerden sie einfach wieder heimfahren.

Die Abfahrt war fuer den fruehen Nachmittag geplant, gleich nach dem Mittagessen. Er war natuerlich den ganzen Vormittag zappelig und fragte immer wieder, wann es denn endlich losginge. Als es dann soweit war, und die beiden vollbepackt bei der Tuer hinausgingen, nahm er sich nicht einmal die Zeit, mir einen Kuss zu geben. Er sagte, er muesse jetzt losfahren, und koenne nicht. Dann sah ich sie beide im Lift verschwinden.

Ich nahm tief Luft und begann die erste lange Freizeit in den letzten Jahren in vollen Zuegen zu geniessen.

Laut Berichterstattung ging alles glatt. Lorenzo amuesierte sich koeniglich im Wasser und wollte gar nicht mehr heraus. Er hielt alle auf Trab, inklusive unserer Freunde und der Kinder, die er am Strand kennengelernt hatte. Er schlief spaeter gleich nach dem Essen im Landgasthaus auf Papa's Knien ein und wachte auch nicht auf, als ihm zu Hause der Pyjamer angezogen wurde. Er schlief wie ein Stein bis 8:30. Nach dem Fruehstueck gings wieder ans Meer und wieder tobte er sich aus, ohne je nach mir zu fragen.

Als die beiden Urlauber nach Hause kamen, war es ca. 17:00 Uhr. Er war im Auto eingeschlafen. Ich nahm ihn in den Arm, und er lehnte sein schlafschweres Koepfchen an meine Schulter. Er war heiss und verschwitzt. Unter der Nase und um den Mund hatten sich feine Salzkrusten gebildet und er duftete sehr stark nach Meer. Nie zuvor war mir dieser herrliche kristallene herb-sonnig wuerzige Geruch so ins Gemuet gegangen, wie in dem Moment, wo er mir so unerwartet aus Lorenzo's Haaren und Haut entgegenstroemte. Es war, als ob ich eine Parfuemflasche aufgemacht haette und die dort eingefangenen Duefte seien entwichen, wie nach langer Zeit endlich befreite Flaschengeister. Es sollte ein Parfuem geben, das den Meeresduft wiedergibt, sooft man danach Verlangen hat. Im Moment war Lorenzo diese Parfuemflasche und ich konnte mich nicht sattriechen an ihm. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie stark Gerueche auf unsere Seele einwirken. Sie koennen einen schlagartig an einen bestimmten Ort versetzen oder ein vor langer Zeit erlebtes Gefuehl augenblicklich wieder ins Leben zurueckrufen.

Ich kann mir daher vorstellen, dass beim Stillen der intensive Geruch der Mutter fuer das Kind eine grosse Rolle spielt. Jedesmal, wenn es gestillt wird, wird es umhuellt von dem wohlbekannten, beruhigenden Duftschleier, den es mit unzaehligen, im Laufe der Zeit angesammelten, positiven Erlebnissen und Gefuehlen in Verbindung bringt.

Das Erste, was Lorenzo zu mir sagte, war: "Bist Du wieder gesund?" was ich bejahte. Waehrend ich ihn zur Wohnung brachte, sprudelte es aus ihm heraus: er erzaehlte mir mit Feuereifer seine Meererlebnisse. Dann, als wir in der Wohnung waren, verlangte er nach der Mènne (meiner Milch), die er auch bekam. Waehrend er hingebungsvoll trank, sog ich wieder und wieder den Meeresduft ein und war erleichtert, dass die erste laengere Trennung so gut geklappt hat.

Wo ist der Lorenzo gebleiben, der noch mit zwei Jahren wie eine Klette an mir hing, und niemanden anderen akzeptierte, solange ich in Reichweite war? Der mich Nichts, rein gar Nichts im Haushalt machen liess, und meine ungeteilte Aufmerksamkeit verlangte; fuer den es eine halbe Tragoedie war, wenn ich aus seinem Blickfeld verschwand; der immer von mir im Arm gehalten werden wollte, und mich manchmal mit seiner extremen Anhaenglichkeit zum Verzweifeln brachte?

Es ist fuer mich eine grosse Erleichterung, mitzuerleben, wie Lorenzo langsam aber sicher, Schritt fuer Schritt der Selbststaendigkeit entgegengeht. Natuerlich weiss ich, dass es noch viele Jahre braucht, bis er wirklich auf seinen eigenen Beinen stehen wird, und ich will ihn auch nicht draengen, aber ihn auch nicht dabei behindern.

(25 Juli 99)

© Ulrike Schmidleithner


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