"Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es in den ersten sechs Monaten keine
bessere Nahrung für das Baby gibt, als Muttermilch (....) Aber überwiegen denn danach eindeutig die Vorteile ?"
Diese Frage mit der ich im Laufe der Zeit oft direkt und indirekt konfrontiert wurde, und die diesmal von einer deutschen Schriftstellerin und Journalistin gestellt wurde, gab mir den Ansporn, eine Zusammenfassung einiger der mir bekannten Argumente zu Gunsten des Stillens ueber einen laengeren Zeitraum, als in unserer Gesellschaft allgemein ueblich, zu schreiben. Ich stelle diesen Text den Besuchern meiner Seiten gerne zur Verfuegung; er kann ohne weitere Genehmigung kopiert und ausgeteilt werden, solange mein Name als Autor aufscheint.
Sehr geehrte Frau G.,
Frau Simone M.-G. wandte sich an mich und bat mich, Ihnen einige
Referenzen bezueglich der Vorteile des Stillens über 4-6 Monate hinaus
zu schicken. Ich danke Ihnen fuer Ihre Aufgeschlossenheit, mehr darueber
erfahren zu wollen, da es leider viele Leute gibt, die grundsaetzlich kein
Interesse daran haben, sich ueber die neuesten Forschungsergebnisse zu
informieren.
Ich zaehle Ihnen einige Punkte auf, die Sie bestimmt interessant finden
werden. Die folgende Liste ist bei weitem nicht vollstaendig, da es dann
auch noch die gesundheitlichen Vorteile fuer die Mutter gibt (z. B. mit steigender Stilldauer sinkende Brustkrebsgefahr und ein geringeres Risiko, spaeter im Leben an Osteoporose zu leiden):
- Die Empfehlung, 6 Monate **voll** zu stillen (nicht, wie leider sehr
oft falsch wiedergegeben, 6 Monate zu stillen) stammt von der OMS/UNICEF
und sie wurde in deren wichtigem Dokument "The Innocenti Declaration" vom
Jahr 1990 festgelegt, das in Florenz nach einem mehrtaegigen Kongress der
groessten Experten der Welt verfasst und unterschrieben wurde. Diese
Empfehlungen gelten nicht nur fuer die Entwicklungslaender, sondern fuer die
ganze Weltbevoelkerung. Die Empfehlung wurde mittlerweile auf Vollstillen
von mindestens 6 Monaten erweitert. Weiter heisst es in der Innocenti
Deklaration, dass nach diesen 6 Monaten neben einer ausreichenden und
geeigneten Beikost bis zum Alter von zwei Jahren weitergestillt werden
sollte, und danach solange Mutter und Kind es wuenschen.
- Die Deutsche Nationale Stillkommission schliesst sich dieser Empfehlung
an, wie Sie hier lesen koennen. Stillempfehlungen
"Die Nationale Stillkommission schließt sich der Erklärung von WHO und
UNICEF an (Innocenti-Deklaration, 1990), Bedingungen zu schaffen, die das
Stillen fördern und die es stillwilligen Müttern ermöglichen, ihre Säuglinge
vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen. Bei geeigneter und
ausreichender Beikost kann solange weiter gestillt werden, wie Mutter und
Kind es wünschen. Da es in der Gesellschaft und in den Familien kaum noch
eine Stilltradition gibt, übernimmt das medizinische Fachpersonal eine
führende Rolle beim Wiederaufbau einer "Stillkultur"."
- In dem Artikel "Vorteile des Stillens von laenger als sechs Monaten"
geschrieben von Katherine Dettwyler Ph.D Professor fuer Anthropologie und
Ernaehrungswissenschaft, Texas A&M University, eine der groessten
Expertinnen auf diesem Gebiet, die auch zahlreiche Studien weltweit geleitet
hat, koennen sie einige wissenschaftliche Erklaerungen mit Literaturangabe
finden.
- Die American Academy of Pediatrics schreibt in ihrem offiziellen
Dokument, das als Richtlinie fuer alle amerikanischen Kinderaerzte gilt:
"Breastfeeding and the Use of Human Milk (RE9729)"
"Human milk is the prefered feeding for all infants, including premature and
sick newborns... It is recommended that breastfeeding continue for at least
the first 12 months, and thereafter for as long as mutually desired."
"Muttermilch ist die beste Ernaehrung fuer alle Babys, inkl. Fruehgeborene
und kranke Neugeborene. Es wird empfohlen, mindestens 12 Monate zu stillen
und danach so lange es Mutter und Kind wuenschen."
- Aus der Internetseite www.aerztezeitung.de vom 23.1.2005:
Toronto (ple) Kanadische Immunologen haben im Kolostrum und in der Milch von
Müttern ein Eiweißmolekül entdeckt, das Antikörper-produzierende
B-Lymphozyten stimulieren kann. Wie die vor Infektionen schützenden
Antikörper und Wachstumsfaktoren ist dieser Faktor ein weiteres Argument für
das Stillen. Das jetzt entdeckte Protein, das auf der Zellhülle von
Monozyten sitzt, wird
unter bestimmten Bedingungen von der Zelle abgespalten und taucht im Urin,
aber auch in der Milch auf (PNAS 98, 2005, 603)
Die Arbeitsgruppe um Dr. Michael Julius von der Universität in Toronto hat
bei neun Frauen festgestellt, dass der mit sCD14 bezeichnete Faktor in der
Milch in bis zu 1000fach höherer Konzentration als im Serum vorkommt. Diese
Mengen waren noch 400 Tage nach der Geburt nachweisbar.
- In einer Studie, die vor wenigen Jahren in Bayern gemacht wurde, stellte man fest, dass das Risiko, dass Kinder spaeter uebergewichtig werden, immer geringer wird, je laenger sie gestillt wurden.
Breast feeding and obesity: cross sectional study Rudiger von Kries,
Berthold Koletzko, Thorsten Sauerwald, Erika von Mutius, Dietmar Barnert,
Veit Grunert, and Hubertus von Voss BMJ 1999;319 147-150
Zusammenfassung des Ergebnisses der Studie:
Die Wahrscheinlichkeit, spaeter uebergewichtig zu werden war:
bei Kindern die nie gestillt wurden: 4,5%
bei Kindern, die 2 Monate lang voll gestillt wurden: 3,8%
bei Kindern, die 3-5 Monate lang gestillt wurden: 2,3%
bei Kindern, die 6-12 Monate lang gestillt wurden: 1,7%
bei Kindern, die laenger als 12 Monate gestillt wurden: 0,8%
- In einer Studie mittels Ecographie wurde die Auswirkung des
Stillens/Teilstillens/Nichtstillens auf die Groesse der Thymusdruese bei 75
Saeuglingen gleich nach der Geburt und dann nach vier Monaten ermittelt.
Bei dieser zweiten Kontrolle wurde festgestellt, dass der Thymuswert
(groesster sagittaler Durchmesser x groessten Querschnitt) bei
vollgestillten Kindern im Durchschnitt 38,3, bei nicht voll gestillten 27,3
und bei Kindern, die mit Flaschenmilch ernaehrt wurden 18,3 war. Bei den
gestillten Kindern blieb der Thymus gross, solange sie gestillt wurden und verkleinerte sich nach dem Abstillen allmaehlich. Man nimmt an, dass dieser
positive Effekt der Muttermilch auf die immunmodulierenden Faktoren
zurueckzufuehren sind, die in dieser enthalten sind.
Hasselbach H, Jeppsen DL, Engelmann MDM et al: Decreased thymus size in
formula-fed infants compared with beastfed infants Acta Paediat 85, 1029,
1996.
Zur Erklaerung:
Der Thymus ist eine Druese, die sich in Luftroehrennaehe befindet und die
eine wichtige Rolle in unserem Immunsystem hat. Sie verwandelt die
Lymphozyten in Lymhozyten T, die wichtig bei der Bekaempfung von Viren und
anderen infektioesen Mikroorganismen sind.
- Die Muttermilch enthaelt im zweiten Jahr des Stillens ein hoeheres Mass
an bestimmten Antikoerpern, sie erreichen teilweise eine aehnlich hohe
Konzentration wie das Kolostrum. Zum Beispiel das Lysozym, das die Zellwand
der Bakterien zerstoert, ist in groesserer Menge in der Milch der Mutter
eines 18 Monate alten Kleinkindes zu finden, als in der Milch der Mutter
eines Sechsmonatigen. Die Mutter produziert auch weiterhin Antikoerper gegen
die Krankheitserreger, mit denen sie konfrontiert wird, und schuetzt dadurch
ihr Kind indirekt ueber die Milch, solange sie stillt. Kinder, die jahrelang
gestillt werden, sind bedeutend weniger haeufig krank und die Muetter
berichten meist, dass ihre Kinder noch nie eine
Antibiotikabehandlung brauchten (das ist auch meine eigene Erfahrung mit
meinem fuenfeinhalbjaehrigen Sohn).
- Hier noch ein guter Artikel: "Ein Kleinkind stillen - warum um Himmels
willen!" von Jack Newman MD FRCPC - einem der groessten Stillexperten der
Welt:
- Ein UNICEF-Dokument:
Studien aus vielen Laendern machen deutlich, dass die Menge der taeglich
produzierten Muttermilch zwischen dem 6. und 24. Lebensmonat des Kindes zwar
abnimmt, doch rund 500 ml betraegt und nach Bedarf erhoeht werden kann.
Kinder im 2. Lebensjahr decken ihren Energiebedarf zu 31% durch Muttermilch.
Stillkinder im Alter von 13-18 Monaten erhalten bei gleicher Nahrungsmenge
25% mehr Energie als nicht gestillte. Aeltere Kinder erhalten
17% mehr. Weiter decken Kinder im 2. Lebensjahr aus der Muttermilch ihren
Eiweissbedarf zu 38%, ausserdem ihren Vitamin- und Mineralienbedarf anteilig
folgendermassen:
Vit. A zu 100%
Vit. C zu 95%
Niacin zu 41%
Riboflavin zu 21%
Folsaeure zu 26%
Kalium zu 44%
Eisen zu 50%
Die Vitamin C-Konzentration der Muttermilch fuer ein Kind gegen Ende des 1.
Lebensjahres ist 3,3 mal hoeher als im Blutplasma seiner Mutter. Selbst wenn
die Mutter erniedrigte Vit-C-Werte hat, wird es in der Milch 6-12 fach
angereichert. Stillkinder erhalten so hoehere Konzentrationen an Vitamin-C
als Kinder, die mit Vitamit-C-angereicherter kuenstlicher Babynahrung, Gemuese und Fruechten ernaehrt werden.
- Nun moechte ich noch an Ihr logisches Denken appellieren, denn ich bin
der Meinung, dass es in Wirklichkeit keiner wissenschaftlichen Belege
bedarf, um zu verstehen, dass der homo sapiens mit der angeborenen Erwartung
auf die Welt kommt, jahrelang gestillt zu werden und nicht nur 4-6 Monate.
Finden Sie es logisch, dass ein sechs/sieben/acht Monate altes Baby
Flaschenmilch bekommt, die eine sehr grobe Nachahmung des Originals ist?
Warum sollte die Kopie besser sein, als das Original? Unsere Kinder sind
keine Kaelber, sie brauchen nicht die Milch einer Kuh, sondern die Milch der
eigenen Mutter! Wenn das Stillen nach sechs Monaten keinen Sinn mehr hat,
dann braeuchten alle sechsmonatigen Babys keinerlei Art von Milch, auch
keine Flaschen- oder Kuhmilch. Sie koennten sich dann direkt mit Steak
ernaehren. Versuchen Sie einmal probeweise einem Kinderarzt zu sagen, sie
geben ihrem Sechsmonatigen keine Milch mehr, er wird sie wahrscheinlich
unverantwortlich nennen und Ihnen erklaeren, dass ihr Baby auf jeden Fall
noch Milch braucht.
Der Sauginstinkt bleibt dem Kind jahrelang erhalten, warum wohl? Um ihn an
einem Schnuller zu befriedigen? Hat die Natur das im Auge gehabt? Jeder
findet es normal, ein Baby, das aelter als 6 Monate ist, ja auch ein Drei-
oder Vierjaehriges mit einem Schnuller im Mund zu sehen. Wenn es stimmen
wuerde, dass die Natur fuer den Menschen eine Stilldauer von 4-6 Monaten
vorgesehen hat, dann wuerde sie es so eingerichtet haben, dass nach
dieser Zeit die Milch versiegt und der Sauginstinkt verschwindet, denn die
Natur ist sehr oekonomisch, da wird nichts verschwendet. Die Milchproduktion
richtet sich jedoch exakt (sowohl in der Menge als auch in der
Zusammensetzung) nach den Beduerfnissen des bestimmten Babys/Kindes und es
ist das Kind, das durch sein Saugverhalten diese Milchproduktion steuert. Da
alle Kinder verschieden sind, gibt es welche, die nach einem Jahr genug haben und dann gibt es wieder andere, die jahrelang gestillt werden moechten. Die Brust ist so flexibel (fast koennte man sagen fuersorglich) und richtet sich danach.
- Nun das allerwichtigste Argument. Das Vertrauen in den Mutterinstinkt.
Der Grossteil der Muetter stillt mit Freuden ihr Kind laenger als die oft
(falsch - siehe oben) zitierten 4-6 Monate, wenn sie die Erfahrungen von
anderen Muettern hoeren, die laenger als bei uns ueblich gestillt haben. Man
merkt richtig, wie erleichtert sie sind, weil sie glaubten, der Stimme ihres
Instinkts nicht trauen zu duerfen, und es ihnen schon insgeheim leid tat,
dass jetzt diese Zeit schon vorueber sein sollte. Ich denke, dass viele
sogenannte Experten mehr Vertrauen zu den Muettern haben sollten, denn die
Muetter sind die wirklichen Experten im Umgang mit ihren Kindern. Gott sei
Dank gibt es auch weise Aerzte, die erkannt haben, dass sie, was den Umgang
mit den Kindern betrifft, viel von den Muettern lernen koennen, die diese
wichtige Rolle seit Millionen von Jahren erfolgreich meistern.
Mit freundlichen Gruessen
Ulrike Schmidleithner
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