"Langzeitstillen aus der Sicht eines Vaters"


Ich komme aus einem Land, von dem man denken könnte, das Stillen ist das Normalste von der Welt. Und zum Teil ist es auch so. Unsere Gesellschaft ist von der Vorstellung geprägt, was modern ist und was unmodern ist und natürlich alle wollen moderne Leute sein. Stillen ist nun mal nicht mehr "in" (auf dieser Ebene müssen wir das Problem in Südamerika sehen). Und in so einer Gesellschaft aufzuwachsen bedeutet, dass Stillen für Leute war, die nicht modern waren (spricht: Leute in bitterer Armut und konsequenterweise ungebildete Menschen-überwiegend Leute vom Land). So war ein Teil meiner Erziehung und von diesen Gedanken waren meine ganzen Beziehungen zu anderen Menschen auch geprägt und mit diesem Gedanken bin ich natürlich groß geworden. Es war unangenehm mit dem Bus durch Lima zu fahren und dabei sehen zu müssen, wie eine Frau (meisten sehr arm und aus dem Hochland-Anden) ihr Brust rausnahm und anfing ihr Kind zu stillen. Jetzt, wenn ich zurückdenke, hatten die Gefühle, die ich empfang, mit dem Stillen nichts zu tun, sondern eher mit der Armut und dem Ursprung dieser Person, die das machte. So wurde für mich Stillen als Synonym von Armut und Rückstand. Gott sei Dank waren meine Verhältnisse eher wohlhabend; und darin glaube ich bestanden meine ersten Störungen gegenüber dem Stillen. Wäre diese Frau aus dem Bus reich und gutaussehende, hätte ich es mit modern und fortschrittlich gleichgesetzt. Es war nun mal anders. Ich will keine Überheblichkeit darstellen, ich will nur meine Erfahrungen zum Ausdruck bringen.

Als ich nach Deutschland kam (ich war 18 Jahre), hatte ich dieses Gefühl nicht mehr bzw.. ich bin nicht mit dem Thema konfrontiert worden. Man sieht in den Straßenbahnen oder Bussen keine stillenden Frauen, man sieht sehr selten eine Frau, die Ihr Kinder stillt und ich dachte "also es geht auch anders, und es ist natürlich modern". Selbst bei Arbeitskollegen ist das Stillen zwar kein Tabu, soll aber nicht in die Öffentlichkeit rausgetragen werden. Mit dieser Einschätzung bin ich nicht alleine. Überall wo man guckt, findet man die gleiche Einstellung. Aber zurück zu meiner Tochter: als Carolina geboren wurde, war ich 26 Jahre und hatte keine Erfahrung mit Vaterschaft, lediglich meine Beobachtungen und Schlußfolgerung aus meinen Erlebnissen. Ich fand es normal, dass Carolina gestillt werden sollte aber bitte nicht in der Öffentlichkeit und auch nicht sehr lange. Mir war es nicht bewußt, wie wichtig das Stillen für Mutter und Kind war und ist und nach kurze Zeit (6 Monate) habe ich Ulrike so stark gedrängt mit dem Stillen endlich mal aufzuhören, dass wir regelrechte kritische Auseinandersetzungen hatten. Ich suchte bei jedem Arztbesuch die Bestätigung dafür, dass endlich Schluss mit dem Stillen sein sollte. Und seltsamerweise habe ich sie bekommen (ob Kinderarzt oder Kinderärztin). Wir waren in Nordperu im Urlaub und natürlich hat meine Familie massiven Druck auf Ulrike gemacht, Carolina war damals ein Jahr alt und ich sah es als letzten Schlag um Ulrike davon abzubringen weiterzustillen. Ich verstand damals nicht, dass Stillen nicht nur eine reine "Nahrungsaufnahme-Methode" ist, sondern auch die Beziehung und das Selbstwertgefühl des Kindes stärkt. Gott sei Dank, Ulrike war hart genug und davon überzeugt, dass was sie tat, das richtige für Carolina war. Wenn ich jetzt auf die persönliche Entwicklung von Carolina zurückblicke, bin ich froh, dass Ulrike nicht locker gelassen hat und mache mir auch Vorwürfe, dass ich sie allein gelassen habe.

Vor 14 Monaten ist Daniel geboren, als Ulrike erfahren hat, dass sie schwanger ist, hatte sie für mich noch einen neuen Schock "Hausgeburt". Ich sagte: "Oh Dios mio, por que yo?" (Oh mein Gott!!, warum ich??). Sie war so entschlossen, dass ich eigentlich keine Chance hatte und so begab ich mich in ein neues Terrain und ich bereue nichts, es war toll!!!

Man lernt nie aus, man muß nur Mut haben. Daniel ist 14 Monate alt und wird so lange gestillt, wie er es haben will. Über das Stillen habe ich jetzt eine andere Meinung..


Februar 2000

© Kleber Cruz-Garcia

Anmerkung: Es handelt sich bei der Ulrike dieses Berichtes um eine andere Ulrike




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