Das nicht ernaehrungsbedingte Saugen


Autor: Dr. Katherine Dettwyler PhD
zugeordneter Professor fuer Anthropologie und Ernaehrungswissenschaft
Texas A & M University
Originaltitel des Textes: "Non-nutritive sucking"

Mir gefaellt diese Bezeichnung nicht, weil man sie automatisch mit der Definierung "ernaehrungsbedingtes" Saugen konfrontiert, wobei angedeutet wird, dass es sich nur bei diesem letztgenannten um echtes Saugen handelt. Sie laesst auch die Schlussfolgerung zu, dass der Hauptgrund und die einzige Aufgabe des Stillens die Uebermittlung von Naehrstoffen ist. Das ist das, was uns die Flaschenmilchindustrie seit langer Zeit weis machen moechte: Stillen ist NUR eine Methode, sein Baby zu fuettern und hier ist eine Alternative, die besser/gleich gut/fast gleich gut ist.

Ich glaube nicht, dass Stillen "nur" der Fuetterung des Babys dient, so wie der Sex nicht "nur" fuer die Forpflanzung da ist. Stillen versorgt das Baby mit Nahrung, Fluessigkeit, es uebermittelt ihm Immunfaktoren, die der Grund sein moegen, aus dem ein Baby nach der Brust verlangt und Kinder so oft gestillt werden wollen, wenn sie krank sind, nicht nur um getroestet zu werden. Der Stillprozess selbst reguliert die Temperatur und den Herzschlag des Neugeborenen, senkt seinen Blutdruck und bringt es zum Schlafen. Dazu kommen noch all die wichtigen sozialen und emotiven Faktoren, die waehrend dem Stillen stattfinden.

Dr. Blackburns Studie ueber die Evolution der Brustdruesen nimmt an, dass der urspruengliche Zweck der Milchsekretion war, die Keime im Darmtrakt des Nachwuchs zu toeten und diesen vor Infektionen zu schuetzen und dass sich die Ernaehrungskomponenten der Muttermilch erst spaeter entwickelt haben.

Solange das Stillen nur oder hauptsaechlich als Fuetterungsmethode angesehen wird, wird das Flaschenfuettern als gleichwertig oder gut genug gelten. Wir muessen wirklich versuchen, von dem Gedanken wegzukommen, dass Saugen, wenn es nicht ernaehrungsbedingt ist, ein Optional ist, oder mit einem Schnuller befriedigt werden kann. Viele Leute denken, dass das Baby nicht "schon wieder" das Beduerfnis zum Saugen haben sollte, und sie wundern sich, wie es schon wieder hungrig sein kann. Es ist moeglich, dass es in diesem Fall nach der Brust verlangt, weil es friert, weil es sich alleine oder aufgeregt/ schlaefrig/kraenklich fuehlt. All diese Beduerfnisse sind gleich berechtigt. Es stimmt, dass Muetter imstande sein sollen, zu erkennen, wann das Baby saugt, ohne Milch zu erhalten und dass sie ihre Babys beobachten sollen, dass sie jemanden brauchen, der kontrolliert, ob das Baby richtig angelegt ist und dass sie sein Gewicht regelmaessig kontrollieren usw. Ich kritisierte einige Anthropologen, die mit einer "Stopuhr" Studien ueber die Zeit, die Babys an der Brust verbringen machen, ohne zu beachten

  • ob und wieviel Milch das Baby trinkt
  • ob die Mutter wirklich Milch produziert, oder nicht (ich zum Beispiel stille Alex noch, habe jedoch keine Milch mehr. Wird er gestillt? Es handelt sich zweifelsohne um ein nicht ernaehrungsbedingtes Saugen, aber verliert es dadurch an Wichtigkeit?)

Wir sollten wirklich beginnen, den Leuten zu erklaeren, dass Stillen ein Multifaktor ist, eine komplexe Interaktion zwischen zwei Personen, die der Ernaehrung des Kindes dient, die aber auch bei der Abwehr von Krankheiten eine Rolle spielt und fuer eine pysiologischen, emotionalen und cognitive Entwicklung wichtig ist.

Ich finde, die Bezeichnung "nicht ernaehrungsbedingt" hoert sich an wie "nicht wichtig", "nicht echt", "ohne Bedeutung", auch wenn es nicht so gemeint ist.

Copyright © Katherine Dettwyler PhD
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Uebersetzung von - Ulrike Schmidleithner


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