Wie oft saeugen andere Spezies?


Autor: Dr. Katherine Dettwyler PhD
zugeordneter Professor fuer Anthropologie und Ernaehrungswissenschaft
Texas A & M University
Originaltitel des Textes: "How often do other species nurse?"

Hinweise dafuer, wie oft Babys naturgemaess gestillt werden sollten, koennen gefunden werden, indem man beobachtet, wie oft dem Menschen aehnliche Tierarten (Schimpansen und Gorillas) ihre Jungen saeugen und indem man die Zusammensetzung der Frauenmilch untersucht, da diese direkt mit der Stillfrequenz in Zusammenhang steht.

Generell gilt, dass Tiergattungen, die ihre Jungen ",verlassen", (das heisst, sie jeweils stundenlang alleine lassen, wie zum Beispiel das Reh, das sein Junges im Unterholz versteckt zuruecklaesst, oder der Wolf, der seinen Wurf im Bau laesst) eine protein- und fettreiche und kohlenhydratarme Milch produzieren. Die Jungen dieser Tiergattungen werden wenige Male pro Tag reichlich gesaeugt. Durch den hohen Protein- und Fettgehalt ist diese Milch langsam verdaulich und saettigt die Jungen fuer Stunden.

Andere Tiergattungen gehoeren zur Gruppe des Dauerkontakts, entweder, weil die Jungen bei der Geburt in der Entwicklung weit fortgeschritten sind (zum Beispiel das Pferd, das innerhalb einer Stunde nach der Geburt aufstehen und laufen kann), und dadurch der Mutter ueberallhin folgen koennen (das gilt fuer fast alle behuften Tiere), oder weil das Junge am Koerper der Mutter getragen wird (Beuteltiere, die meisten Primaten, der Mensch). Schimpansen, Gorillas, Orangutans und der Mensch gehoeren zur Trage-Kategorie. Nebenbei gesagt muessen Schimpansen- und Gorillamuetter ihre Jungen mehrere Monate lang aktiv stuetzen, indem sie diese tragen, denn die Kleinen koennen sich zwar anklammern, aber anfangs sind sie nicht stark genug, um sich ganz von alleine am Koerper der Mutter festzuhalten. Einige Anthropologen glauben, dass das erste Hilfsmittel, das der Mensch erfunden hat, eine Babytragschlinge gewesen sei.

Die Tiergattungen, die der Dauerkontakt-Kategorie angehoeren, erzeugen eine protein- und fettarme und kohlenhydratreiche Milch. Die Jungen saugen gewoehnlich sehr haeufig und jeweils kleine Mengen. Der niedrige Gehalt an Eiweiss und Fett macht die Milch leicht und rasch verdaulich und bald ist das Baby erneut hungrig. Da die Mutter jedoch immer in Reichweite ist, braucht das Neugeborene einfach wieder an der Brust zu saugen. Frauenmilch verlaesst den Magen des Saeuglings nach ca. 20 Minuten. Schimpansen- und Gorillababys saugen untertags mehrmals pro Stunde und nachts schlafen sie bei ihrer Mutter, was darauf schliessen laesst, dass sie auch nachts Muttermilch bekommen.

Die Zusammensetzung der Frauenmilch weist zweifellos darauf hin, dass Babys mit der angeborenen Erwartung auf die Welt kommen, rund um die Uhr mehrmals pro Stunde gestillt zu werden.

Die Studie ueber das Stillmuster unter den !Kung, auf das Du Dich beziehst, bei denen die Kinder mehrmals pro Stunde jeweils wenige Minuten lang gestillt werden, ist von Melvin Konner und Carol Worthman. Die !Kung leben in einem heissen und trockenen Gebiet (Botswana und Namibia), aber haeufiges Stillen erhoeht mehr den Fettgehalt der Milch als den Wassergehalt, somit ist nicht klar, ob haeufiges Stillen eine Vorbeugungsmassnahme fuer Dehydratation ist. Michael Woolridge wies einmal auf diese Moeglichkeit hin, waehrend wir an seinem Kapitel des Buches arbeiteten, aber es gibt keine Studie darueber. Es gibt andere Studie ueber die Gainj, ein Volk, das in Papua Neuguinea lebt, und daraus geht hervor, dass deren Kinder mehrmals im Laufe einer Stunde, sowohl tags als auch nachts gestillt werden, und dort herrscht ein heisses und feuchtes Klima wenn auch nicht so heiss, wie in der Wueste, in der die !Kung leben. Interessant ist die Tatsache, dass die Kinder der Gainj wenn sie aelter werden nicht weniger oft gestillt werden. Die Stillfrequenz bleibt bis ins dritte Lebensjahr mehr oder weniger unveraendert.

Natuerlich wird die Stillhaeufigkeit von vielen Faktoren beeinflusst, inklusive der Beschaeftigung, der die Mutter nachgehen muss (Catherine Panter-Brick untersuchte in einer interessanten Studie, wie sich das Stillmusternepaleischen Frauen beobachtet. Die eine Gruppe bestand aus Landwirtinnen und die andere aus Hausfrauen), vom Temperament des Kindes und seiner Persoenlichkeit. Einige Babys trinken sehr effektvoll und leeren die Brust in wenigen Minuten, waehrend andere weniger gut trinken, weniger hungrig sind, oder ganz einfach einen anderen Saugstil haben und daher 20/40/60 Minuten brauchen, um ihren Hunger zu stillen. Einigen Babys gelingt es sehr gut, die fetthaltige Hntermilch aus der Brust zu bekommen, da sie an der fast ",leeren", Brust stark weitersaugen, wodurch sie nicht so schnell wieder neuerlich Hunger bekommen, wie die Babys, die nicht auf diese effektvolle Weise saugen koennen/wollen. Ich wuerde sagen, dass man ausser der Stillanleitung ",sehr oft, sowohl tagsueber als auch nachts", absolut kein generelles Stillfrequenzmuster bei Babys anwendet kann, das fuer alle oder zumindest einen Grossteil von ihnen gueltig sein koennte.

Man sollte sich vor Augen halten, dass Babys aus vielen Gruenden gestillt werden moechten, nicht nur zur Aufnahme von Nahrung. Daniel Blackburn und andere Forscher, die die Evolution der Laktation studieren, glauben, dass die Milchsekretion urspruenglich eine antibakterielle Substanz zum Schutz der Eier im Nest war, die dann irgendwann einmal von den soeben geschluepften Nestlingen geschluckt wurde, was ihnen dabei half, eine eigene Darmflora zu bilden, die Bakterien/Virus/Parasiten im Darm vernichtete und dass die Ernaehrungskomponenten erst spaeter dazukamen. Das alles laesst darauf schliessen, dass einer der Gruende, warum ein Kind nach der Muttermilch verlangt, sein mag, dass seine Darmflora nicht in Ordnung ist (was sich dem Baby durch Bauchschmerzen bemerkbar macht) und es braucht die Milch um seine Darmflora wieder zu normalen Werten zu bringen. Ein anderes Mal mag ein Baby gestillt werden, weil es mit irgendeinem Krankheitserreger in Beruehrung gekommen ist und es die Antikoerper der Milch sucht, selbst wenn noch keine Symptome fuer die Mutter erkennbar sind.

Stillen reguliert auch den Herzschlag und den Atemrythmus des Kindes, und senkt seinen Blutdruck: das Bedurefnis, gestillt zu werden, kann daher ein Hilferuf zur Normalisierung eines dieser physiologischen Werte sein. Ausserdem gibt es da auch noch den Durst.

Man sollte auch bedenken, dass das Baby durch haeufiges Stillen den Fettgehalt der Milch sowie die Fruchtbarkeit der Mutter reguliert. Zu den umweltbedingten Einfluessen auf das Stillbeduerfnis des Kindes zaehlen die zur Verfuegung stehenden alternativen qualitativ hochwertigen Nahrungsmittel. Wo das Kind eine grosse Auswahl an anderen Nahrungsmitteln hat, mit denen es sich saettigen kann, und die Mutter bereit waere, das Kind voellig abzustillen und wieder schwanger zu werden, geht die Stillhaeufigkeit zurueck.

Wo hingegen sehr wenig alternative Nahrungsmittel verfuegbar sind, und weder fuer das betreffende Kind noch fuer die Mutter der richtige Zeitpunkt eingetroffen ist, dass ein neues Geschwisterchen kommt, verlangt das Kind weiterhin haeufig nach der Brust, sodass es einerseits die fetthaltige Hintermilch erhaelt und andererseits die Fruchtbarkeit der Mutter weiterhin unterdrueckt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass jedes Baby in verschiedenen Situationen unterschiedliche Beduerfnisse hat, dass sie jedoch von ihrem Schoepfer (Gott oder die Evololution - das haengt vom persoenlichen Glauben ab), die Gabe erhalten haben, diese Beduerfnisse mitzuteilen und zwar vom ersten Lebenstag an, indem sie schreien. In den Vereinigten Staaten war der Glaube, dass Muttermilch nur der Ernaehrung diene, und Stillen nicht mehr sei, als eine Methode, einem wachsenden Organismus Naehrstoffe zuzufuehren, wirklich ein grosses Hindernis um dem Gesundheitspersonal und den Eltern zu verstehen zu geben, warum Babys das Beduerfnis haben, sehr oft gestillt zu werden. Ich schrieb ueber dieses Thema in meinem Kapitel ",Beauty and the Breast",.

Kurz gesagt: ",HOERE AUF DEIN BABY UND GEHE SEINEN BEDUERFNISSEN NACH",

Copyright © Katherine Dettwyler PhD
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Uebersetzung von - Ulrike Schmidleithner


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