2. Teil
Meine Geburt und die ersten Wochen auf der Frühchenintensivstation
Mama fand die Geburt sehr schrecklich, sie musste ja bis zum letzten Augenblick bei Bewusstsein bleiben, damit ich so wenig wie möglich von dem Narkosemittel abbekommen würde. Vor Kälte und Angst zitternd und mit einem schmerzhaften Brennen zwischen den Beinen von der grosszügigen Desinfiziererei lag sie wie ein Schaf angeschnallt auf der "Schlachtbank". Mir ging es auch nicht besser: schwuppdiwupp war ich in dieser grellhellen kühlen Luft, wurde von den schon bereitstehenden Neonatologen untersucht, ausgemessen und verkabelt. Ich überraschte gleich erst mal alle Anwesenden, in dem ich sofort spontan von alleine anfing zu atmen und so laut ich konnte anfing zu schreien, denn so einen ollen Beatmungsapparat wollte ich mir nun wirklich nicht noch antun.
An Papa vorbei, der draussen warten musste, sausten sie mit mir im Brutkasten rüber in die Intensivfrühchenstation, wo alle Miniwinzlinge erst einmal umfassend untersucht und sorgfältig überwacht wurden. Dort durfte Papa mich dann als erster begrüssen in meinem Glaskasten und mich kurz streicheln, wie er das auch der Mama hatte vorher versprechen müssen. Ohne Vorwarnung wurden zwei Bilder von mir geschossen mit einer Polaroidkamera, so dass ich gar keine Zeit hatte, für Mama mein Fotografiergesicht aufzusetzen, oder wenigstens zu winken....so sehe ich auf diesen ersten Bildern wirklich ziemlich armselig aus. Die Ärzte haben sich mit ihren Ultraschallmessungen aber auch gründlich bei mir vertan. Zwar war ich 35 cm gross, aber dadurch, dass man halt den (bei mir nicht vorhandenen Babyspeck) mit diesem Apparat nicht messen kann, wog ich mangels jeglicher Fettmasse gerade mal 1000 Gramm, das ist soviel wie eine Tüte Milch, hat mir meine Mama erzählt.
Mama erzählte mir später auch, dass sie, kaum dass sie aus der Narkose aufgewacht war, schlaflos und sehnsuchtsvoll in der Aufwachstation lag, und sich mit jeder Faser ihres Herzens wünschte, sie könne bei mir sein, und mich halten...ich muss es wohl gespürt haben, denn ich atmete tapfer weiter und meine Ärzte waren angetan von meinen Zustand, ich "stabilisierte" mich sehr gut...Mama musste noch bis zum Vormittag des nächsten Tages ausharren, dann wurde sie, wahrscheinlich weil sie die Schwestern und Ärzte mit ihrem beharrlichen Drängen genug genervt hatte, samt Drainagen und Schläuchen in einen Rollstuhl gesetzt, und mit meinem Papa, meiner Oma und meiner Tante zusammen zu mir geführt. Vor meinem Glasbettchen angekommen, hätte Mama mich erst fast nicht erkannt, weil ich aussah wie ein kleines mageres Vögelchen, dass zu früh aus dem Nest gefallen war. Gut das ich mich schon mit Papa bekannt gemacht hatte, der konnte ihr dann versichern, dass ich wirklich ihr kleines Mädchen war. Sie durfte mich dann ein bisschen streicheln, was mir sehr gut tat, und uns wurde in Aussicht gestellt, mich nach ungefähr einer Woche auch zum Känguruhn (so nennen sie dort das Schmusen mit viel Hautkontakt) ausserhalb dieses Kastens halten zu dürfen.
Am Nachmittag kamen meine Eltern dann wieder, Mama konnte nun schon einigermassen laufen. Ich döste dazwischen in meinem Nestchen so vor mich hin, und versuchte, mich an diesen Betrieb um mich rum zu gewöhnen. Fast ständig war dieses grelle Licht an, Maschinen und Apparate, die an mir und meinen insgesamt noch fünf "Mitinsassen" angeschlossen waren, piepsen unentwegt und meistens grundlos, wohl um die Schwestern zu beschäftigen. Mama hat mir dann ein Deckchen genäht, weinrot mit kleinen gelben Sternen, das lag dann immer auf meinem Kasten, damit das Licht nicht so grell von oben rein schien, und das mich an den Lichtschein im Mutterleib erinnern sollte. Naja, dort in der Mama drin war es beleuchtungsmässig doch erheblich angenehmer gewesen, aber das Tuch half schon ein wenig und war eine liebe Geste von Mama.
Ständig huschten irgendwelche Schwestern und Ärzte zu einem von uns Minizwergen um uns zu befummeln und uns mit Blutabnahmen und ähnlichen Schikanen zu ärgern. Das war überhaupt das Unangenehmste, sag ich Euch, mindestens zwei Mal am Tag kam jemand und drückte an meinen Minihandrücken oder Fersenballen rum, um eine Einstichstelle zu erspähen, wo er mir wieder einige Tropfen abringen konnte!!! Noch heute habe ich ganz doofe Narben dort (und vergessen werde ich wohl diese Prozeduren auch nie mehr so ganz), aber es war wohl nötig, um alle davon zu überzeugen, dass es mir -den Umständen entsprechend- doch recht gut ging, trotz meines verfrühten Lebensstartes. Leider waren in meiner Zeit im Krankenhaus -wohl auch bedingt durch dieses ständige Blutabnehmen- insgesamt drei Bluttransfusionen notwendig, nach denen ich jedesmal für ein bis zwei Tage eine Hautfarbe wie ein rosa Schweinderl hatte. War ja auch kein Wunder, dass ich den extra "Saft" brauchte, immerhin hat ja ein Kindchen von 1000 Gramm nur ein Blutvolumen von insgesamt 100 ml, und die Nachproduktion durchs Rückenmark klappt ja anfangs auch noch nicht so gut. Da machen sich tägliche mehrmalige Blutabnahmen, auch wenn's denn nur Tröpfchen sind, schon bemerkbar!!!
Das es mir weiterhin so gut ging lag vor allem - und davon sind meine Eltern sehr überzeugt - daran, dass ich sobald als möglich in den Genuss von Mamas selbstproduzierter Muttermilch kam. Mama begann nämlich, kaum dass sie auf die Wöchnerinnenstation kam, sofort die Pumpen im Säuglingszimmer zu inspizieren, und fing an, alle zwei Stunden für eine halbe Stunde abzupumpen. Gut, dass meine Mama durch meine Schwester Tini schon Pumperfahrung hatte. Tini's Geburt wurde (weil Mama Fruchtwasser verloren hatte) fünf Wochen vor ihrem Geburtstermin eingeleitet. Sie wog damals bei ihrer Geburt 2500 Gramm und kam zwei Tage nach ihrer Geburt schon nach Hause. Dort war sie anfangs noch zu müde und schlapp um ordentlich zu trinken, und so besorgte sich Mama eine Pumpe damals und pumpte zwei Wochen lang auch für Tini ab. Danach konnte sie meine Schwester davon überzeugen, dass Stillen einfacher und praktischer für beide ist, und sie hat meine Schwester dann insgesamt 16 Monate gestillt, davon sechs Monate voll.
Anfangs kam bei Mamas Pumpversuchen nicht viel - war ja logisch nach so einem frühen Kaiserschnitt - und am ersten Tag durfte ich davon auch noch nichts bekommen, da man ihr zur Narkose und Blutdruckssenkung ja irgendwelche stillunverträglichen Medikamente gegeben hatte... doch nach knapp zwei Tagen bekam ich das erste Mal ein kleines bisschen Muttermilch. Davor war es eh nicht so wild, da bei Winzlingen wie mir ganz langsam mit dem Nahrungsaufbau begonnen wird, denn Nahrungsverarbeitung ist ja sehr energie- und kräftezehrend und kann schnell zu Atemnot, Kreislaufbeschwerden und Verdauungsproblemen führen. Ehrlich, ich war auch erst mal froh, dass ich jetzt den Sauerstoff selbstschnaufend in ausreichender Menge zu mir nehmen konnte, und nicht mehr auf die olle Placentamangelversorgung angewiesen war. Mama brachte dann ab meinem zweiten Lebenstag alle zwei Stunden frische Muttermilch (MuMi) mit, die ich umgehend gleich verfüttert bekam. Man hatte mir eine Magensonde gelegt, da Stillen, Pipette oder Flasche für mich angeblich noch zu anstrengend wären. Die klebten sie mir immer mit einem Herzchenpflaster an der Backe fest, damit sie nicht verrutschte. Allahopp, war besser als nichts, und ab und an fand sich dann auch mal eine nette Schwester, die mir ein Tröpfchen oder zwei auf die Zunge träufelte, so dass ich auch mal schmecken konnte, wie lecker meine MuMi eigentlich war.
Die gute MuMi wurde zwischenzeitlich im Labor untersucht, ob sie nicht zu viele Bakterien enthielt. Meine Mama hielt sich nicht an die Hygieneempfehlungen und liess ausser Wasser absolut kein Desinfektionsmittel oder ähnlichen Quatsch an ihre Brustwarzen (andere Mamas, die brav nach Anweisung desinfizierten, hatten prompt irgendwelche Krankenhauskeime in ihrer Milch). Und tatsächlich gab man eine knappe Woche später grünes Licht; somit konnte meine MuMi 24 Stunden im Krankenhaus im Kühlschrank aufbewahrt werden. Damit hatte der Pumpstress für meine Mama dann auch ein Ende... denn es war schon nervend, dass sie bei zehn Mahlzeiten (alle zwei Stunden, nachts alle drei Stunden) täglich alle Nas' lang in die Säuglingsstation eine Etage über mir rennen musste, um mich mit Frischmilch zu versorgen. Nur nachts machte sie einmal Pause um wenigstens ein paar Stunden am Stück schlafen zu können und man gab mir Frühgeborenenersatzmilch, aber diese bereitete mir Verdauungsprobleme, und das spornte Mama dann natürlich besonders an, durchzuhalten. Zu erreichen war sie für die anderen wohl in dieser Zeit etwas schwer, denn mit Wochenbett war ja nix, sie wollte immer nur in meiner Nähe sein. Ausserdem war sie mit einer frischgebackenen Mama in einem Zimmer zusammen auf Station, die ihren kleinen Liebling bei sich hatte. Das machte meine Mama immer ganz traurig, besonders wenn dann Besuch kam, um den neuen Erdenbürger zu begrüssen, und sie mit ihrem Plüschstorch, einigen Bildern und einem Luftballon, auf dem stand: "it`s a girl" einsam in ihrem Bett sass, denn ich war ja weit weg von ihr dort.
Auf die Ärzte muss ich wohl einen guten Eindruck gemacht haben, denn nach zwei stabilen Tagen erlaubten sie meinen total überraschten Eltern schon, mich zum Schmusen für eine kleine Weile aus meinem Glaskasten rauszuholen. Ich wurde dann, nur mit einer riesengrossen Windel bekleidet (war aber die allerkleinste Grösse, da ich aber null Speck am Popo hatte und meine Beinchen noch ziemlich dünn waren, sah diese Windel halt doch gigantisch an mir aus) auf Mamas Oberkörper gelegt, und wir wurden mit Tüchern und Decken kuschelig warm zugedeckt. Das war optimal. Mama und ich haben diese Zeiten immer ganz besonders genossen, und das Känguruhn hat uns sehr gut getan, um uns so richtig gut mit "Haut und Haaren" kennenzulernen.
Das einzige, was das Schmusen halt besonders anfangs sehr kompliziert machte, waren die vielen Kabel und Überwachungsdrähte, die an meinem ganzen Körper verteilt befestigt waren.
In den ersten Wochen bekam ich im wöchentlichen Wechsel an einem der Ärmchen oder am Kopf durch eine Vene eine Zentralinfusion gelegt. Dadurch waren abwechselnd entweder mein Arm komplett verpflastert oder mein halber Kopf. Nur gut, dass ich mir mit dem Haare wachsen noch Zeit gelassen hatte! Durch diese Zentralversorgung bekam per Perfusor (das ist ein Gerät, dass gleichmässig mehrere Flüssigkeiten abgeben kann) stärkende und unterstützende Nährlösungen sowie Medikamente und musste nicht dauernd neu angepieckst werden, das war nämlich bei meinen kleinen Adern eine Mordsprozedur, schmerzhaft für mich und schweisstreibend für den Arzt! Dieser "Tropf" war auch nicht angenehm, aber wohl zu diesem Zeitpunkt die bester Möglichkeit, mich optimal zu versorgen.
Dann hatte ich drei Elektroden auf meiner Minibrust kleben. Damit wurde ständig mein Herzschlag aufgezeichnet und in Form einer Herzrhythmnuskurve (EKG) auf einen Bildschirm über meinem Inkubator projiziert. Das piepste immer ziemlich nervig, und es kam oft zu Fehlalarmen, wenn ich mich mal bewegen wollte in meinem Inkubator. Dieser hatte eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit und eine Betriebstemperatur von ungefähr 37° C, so dass es auch ohne Decke immer schön kuschelig war, und ich nicht so viel Energie brauchte, um meine Körpertemperatur selbst zu halten. Weiterhin hatte ich noch ein Sauerstoffsättigungsmessgerät, ein sog. Pulsoxymeter, an meinem Fuss kleben, mit dem man Infrarotstrahlen messen konnte, ob ich genug Sauerstoff im Blut hatte. Es leuchtete so schön rot durch meinen kleinen Fuss hindurch... und gab natürlich auch gerne mal einen Fehlalarm.
Gott sei Dank brauchte ich kein Beatmungsgerät, sonst hätte Mama noch sehr viel länger gebraucht, bis sie mich dann endlich mit dem ganzen Kabelgewirr auf ihrem Oberkörper plaziert hätte!!!
Nach zwei bis drei Wochen, ich nahm stetig zu und bekam jeden Tag eine paar Gramm mehr "zu futtern", liess sich Mama nach Befragen der Schwestern von dem stillfreudigsten Arzt die Erlaubnis geben, mich auch mal an die Quelle - sprich Brustwarze - zu lassen. Leider waren die meisten vom Pflegepersonal nicht so stillfreudig, und so war es für uns beide immer ein komisches Gefühl, wenn ich mal an meiner Brust schleckte. Ein weiteres Problem war, dass ja meine Portionen immer noch streng rationiert waren, und einmal, als ich doch tatsächlich, obwohl ich nur kuscheln wollte, einige Züge Mamamilch zu mir nahm (es kam gerade günstigerweise ein Milcheinschuss), "erwischte" mich die Schwester beim nächsten Sondieren mit frischer MuMi im Bauch. Dazu muss man wissen, dass, bevor es Nachschub gab, immer mittels einer leeren Spritze geschaut wurde, ob noch unverdaute Magenreste vorhanden waren, eine unangenehme Prozedur, sag ich euch! Sie trug dann ganz empört in mein Tagesprotokoll ein, dass Mama mich ohne Erlaubnis gestillt hätte!!! So was Doofes!!! Was konnten wir beide denn dafür? Diese Schwester mochten wir beide dann gar nicht mehr so gut leiden.
Ansonsten wartete ich morgens schon immer auf meine Mama. Sie lief dann immer gerne erst mal an den grossen Tisch, der in unserem Raum stand, um im Protokoll nachzulesen, wie es mir in ihrer Abwesenheit ergangen war und ob ich denn nachts brav gewesen bin. Dann wurde ich in ihrem Beisein von einer Schwester gewaschen oder gebadet, und dann auf die Waage gelegt. Das war sozusagen der Höhepunkt des Tages, und Mama rief dann oft mittags kurz den Papa an (ich liess sie dann mal kurz weg, damit sie sich was zu essen holen und mir wieder eine Ration MuMi abpumpen konnte) um ihn über die neueste Zunahme zu informieren. Anfangs bewegte sich das im 10 bis 20 Gramm Bereich, später war es dann täglich etwas mehr. Ich kann allerdings mit Stolz behaupten, dass ich nie unter die 1000 Grammgrenze gerutscht bin, wäre auch schwierig gewesen, denn ich war ja in meinen ersten Lebenstagen eh nur Haut und Knochen. Mama konnte es anfangs kaum fassen, dass ich null Popospeck hatte! Aber von Tag zu Tag wurde auch dieser einem kleinen Neugeborenenpopo immer ein bisschen ähnlicher. Was sie auch noch faszinierend fand, war, dass meine Ohren sich beim draufliegen manchmal zusammenfalteten, da ich noch keinen festen Knorpel in meiner Ohrmuschel hatte; sie nannte mich dann "mein Fledermäuschen". Zwischen den Mahlzeiten, die mir Mama leider nicht selbst geben durfte, da in unserem Krankenhaus nur die Schwestern sondieren durften, haben wir dann gerne zusammen geschmust, und ein Schmusemädchen bin ich seither immer noch.
Und hier geht meine spannende Geschichte weiter:
Ich komme in die Aufpaeppelstation
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