Stillen und Gelbsucht


Autor: Dr. Jack Newman MD FRCPC
Originaltitel: "Breastfeeding and Jaundice "

Die Gelbsucht wird durch eine Vermehrung des Bilirubins (einem gelben Pigment - Produkt aus dem Abbau alter roter Blutkoerperchen) im Blut hervorgerufen. Es ist normal, dass rote Blutkoerperchen abgebaut werden, aber das dadurch freigewordene Bilirubin verursacht in der Regel keine Gelbsucht, da es von der Leber verarbeitet, und von dort in den Darm befoerdert wird. Viele Neugeborene hingegen bekommen in den ersten Lebenstagen Gelbsucht, da das Enzym der Leber, das fuer die Verarbeitung des Bilirubins zustaendig ist, relativ unreif ist. Ausserdem haben Neugeborene eine groessere Anzahl von roten Blutkoerperchen als Erwachsene, was zur Folge hat, dass mehr davon auf einmal abgebaut werden. Wenn ein Baby zu frueh auf die Welt kommt, oder nach einer schwierigen Geburt noch unter Stress steht, oder wenn die Mutter an Diabetes leidet, oder wenn es vorkommt, dass eine ungewohnlich grosse Anzahl von Blutkoerperchen abgebaut wird (wie es bei Blutgruppenunvertraglichkeit vorkommt) kann es sein, dass der Bilirubinspiegel im Blut zu unnatuerlich hohen Werten ansteigt.

Zwei Arten von Gelbsucht

Die Leber wandelt das Bilirubin um, sodass es vom Organismus ausgeschieden werden kann. Wenn jedoch die Leber schlecht funktioniert, wie es bei einigen Infektionen der Fall ist, oder die Kanaelchen, die das Bilirubin zum Darm befoerdern, blockiert sind, kann es sein, dass sich dieses umgewandelte (konjugierte) Bilirubin im Blut ansammelt und eine Gelbsucht ausloest. In diesen Faellen scheint das konjugierte Bilirubin im Urin auf und faerbt diesen braun. Ein brauner Urin ist ein wichtiger Hinweis dafuer, dass es sich nicht um eine "normale" Gelbsucht handelt. Eine Gelbsucht, die auf konjugiertes Bilirubin zurueckzufuehren ist, ist immer abnormal, haeufig besorgniserregend und muss sofort und genauestens untersucht werden. Ausgenommen im Fall von wenigen, extrem seltenen Stoffwechselkrankheiten kann, und soll weitergestillt werden.

Bei einer Ansammlung von Bilirubin, das von den Enzymen der Leber noch nicht umgewandelt wurde, kann es sich um eine normale "physiologischen Gelbsucht" handeln. Eine physiologische Gelbsucht beginnt am zweiten oder dritten Tag, erreicht am dritten oder vierten Tag den Hoehepunkt und geht dann langsam zurueck.

Es gibt jedoch auch andere Ursachen, die zu einer schwereren Form dieser Art von Gelbsucht fuehren, zum Beispiel ein abnormal rascher Abbau von roten Blutkoerperchen. Da dieser Zustand nichts mit dem Stillen zu tun hat, soll weitergestillt werden. Wenn das Baby zum Beispiel eine ernsthafte Gelbsucht hat, die auf den raschen Abbau roter Blutkoerperchen zurueckzufuehren ist, so ist das kein Grund, das Stillen zu unterbrechen. Es sollte weitergestillt werden.

Die Brustmilchgelbsucht

Es gibt einen Zustand, der unter dem Namen "Brustmilchgelbsucht" bekannt ist. Niemand kennt die Ursache. Um diese Diagnose zu stellen, sollte das Baby mindestens eine Woche alt sein (obwohl viele Babys mit Brustmilchgelbsucht interessanterweise auch eine physiologische Gelbsucht hatten, manchmal mit ueber der Norm hohen Werten), mit Muttermilch alleine gut gedeihen, viel Stuhlgang haben, eine grosse Menge hellen Urin ausscheiden und allgemein in guter Verfassung sein. (Siehe: "Bekommt mein Baby genug Milch?"). Mit diesem klinischen Bild hat das Baby das, was einige Brustmilchgelbsucht nennen, wenn auch manchmal eine Urininfektion oder eine Unterfunktion der Schilddruese des Babys das gleiche klinische Bild haben. Die Brustmilchgelbsucht erreicht ihren Hoehepunkt, wenn das Baby 10 bis 21 Tage alt ist, kann jedoch zwei bis drei Monate andauern. Brustmilchgelbsucht ist normal. Selten, wenn ueberhaupt, muss das Stillen eingestellt werden, auch nicht fuer kurze Zeit. Es gibt nicht den geringsten Beweis, dass diese Art von Gelbsucht fuer das Baby irgendwelche schaedliche Konsequenzen hat. Das Stillen sollte nicht unterbrochen werden "um eine Diagnose zu erstellen". Wenn jedoch der Arzt der Meinung ist, dass es angebracht ist, voruebergehend mit dem Stillen aufzuhoeren, dann ist es besser, Flaschenmilch mit einem Brusternaehrungsset zuzufuettern (siehe "Das Brusternaehrungsset"), als das Baby nicht mehr anzulegen, da das spaeter zu Problemen beim Stillen fuehren kann. Wenn das Baby wirklich mit der Muttermilch alleine gut gedeiht, gibt es absolut keinen Grund, das Stillen zu unterbrechen oder mit einem Brusternaehrungsset zuzufuettern. Die Auffassung, dass etwas nicht in Ordung sei, wenn ein Baby Gelbsucht hat, ist darauf zurueckzufuehren, dass viele davon ausgehen, dass das flaschengefuetterte Baby der Standard ist, nach dem sich das gestillte Baby zu richten hat. Diese Einstellung, die universell fast die Gesamtheit des Gesundheitspersonals gemeinsam hat, stellt jede Logik auf den Kopf. Nach der ersten Lebenswoche hat das flaschengefuetterte Baby selten Gelbsucht, und wenn, dann stimmt gewoehnlich etwas nicht. Aus diesem Grund stellt das Baby mit Brustmilchgelbsucht einen Grund zur Besorgnis dar und "es muss etwas unternommen werden". Wie dem auch sei, gemaess unseren Erfahrungen sind die meisten voll gestillten, gesunden und gut gedeihenden Babys im Alter von 5-6 Monaten noch gelbsuechtig. In Wirklichkeit sollte man sich fragen, ob es normal ist, wenn ein Baby *keine* Gelbsucht hat und ob wir in diesem Fall nicht besorgt sein sollten. Man hoere wegen Gelbsucht nicht mit dem Stillen auf.

Die "Nicht-genug-Muttermilch-Gelbsucht"

Wenn ein Baby einen ueberdurchschnittlich hohen und laenger als normal andauernden Bilirubinspiegel hat, kann das ein Hinweis dafuer sein, dass es nicht genug Muttermilch erhaelt. Das kann der Fall sein wenn bei der Mutter die Milch laenger als gewoehnlich braucht, bis sie "einschiesst", oder weil durch die Krankenhausroutine die Zeit, die das Baby an der Brust trinkt, begrenzt ist, oder weil - und es ist extrem wichtig, sich dessen zu vergewissern - das Baby nicht korrekt angelegt ist und daher nicht zur vorhandenen Milch kommt (Siehe "Bekommt mein Baby genug Milch?"). Wenn das Baby wenig Milch erhaelt, kann es sein, dass es einen unzureichenden und seltenen Stuhlgang hat, sodass das Bilirubin im Darm des Babys neuerlich absorbiert wird und in den Blutsrom gelangt, statt den Koerper durch den Stuhlgang wieder zu verlassen. Logischerweise ist die beste Vorbeugung dieser "Nicht-genug-Muttermilch-Gelbsucht" dass man das Baby von Anfang an richtig anlegt (Siehe "Ein guter Start zum Stillen"). Die Loesung des Problems ist nicht, dem Baby die Brust nicht mehr zu geben, oder es mit der Flasche zu fuettern. Wenn das Baby gut trinkt, wird es wahrscheinlich genuegen, es oefter anzulegen, um den Bilirubinspiegel rascher zu senken, daher braucht man in Wirklichkeit gar nichts unternehmen. Wenn das Baby schlecht an der Brust trinkt, sollte man es besser anlegen sodass es effektvoller trinkt und daher mehr Milch erhaelt. Das Ausdruecken der Milch waehrend das Baby angelegt ist, damit es mehr Milch erhaelt kann auch von Hilfe sein (Siehe "Die Technik des Milchausdrueckens"). Wenn sich die Situation weder durch korrektes Anlegen noch durch Ausdruecken der Milch bessert, ist es angebracht, mit Hilfe des Brusternaehrungssets zuzufuettern. (siehe: "Das Brusternaehrungsset").

Die Fototherapie

Die Fototherapie erhoeht den Fluessigkeitsbedarf des Babys. Wenn es gut saugt, genuegt es meist, es oefter anzulegen, um dem vermehrten Bedarf gerecht zu werden. Wenn man jedoch glaubt, dass das Baby zusaetzliche Fluessigkeit braucht, solle man zum Zufuettern das Brusternaehrungsset verwenden, und vorzugsweise ausgedrueckte Milch mit Zuckerwasser vermischt verwenden, oder Zuckerwasser alleine, statt Flaschenmilch.

Letzter Stand: Jaenner 98

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Uebersetzung von - Ulrike Schmidleithner



Die Originalseite in englisch findet man hier.


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