Aufs Stillen vorbereiten

Autor: Dr. Jack Newman MD FRCPC
Originaltitel: "Breastfeeding - Starting out right"

Stillen ist die natuerliche und physiologische Methode, Babys und Kleinkinder zu ernaehren und die Muttermilch wird speziell fuer Babys produziert. Pulvermilch, die aus Kuhmilch oder Soyabohnen (meistens) hergestellt wird, naehert sich der Muttermilch nur oberflaechlich und Werbung, die das Gegenteil angibt, ist irrefuehrend. Stillen sollte fuer die meisten Muetter leicht und problemlos sein. Ein guter Start hilft dabei, dass Stillen fuer beide eine befriedigende Erfahrung ist, sowohl fuer die Mutter als auch fuer das Kind.

Der Grossteil der Muetter ist ohne weiteres in der Lage, ihre Babys vier bis sechs Monate lang voll zu stillen. Es ist sogar so, dass die meisten Muetter eine Ueberproduktion von Milch haben. Leider herrscht in vielen Krankenhaeusern noch eine ueberholte Routine vor, die aufs Flaschefuettern zurueckzufuehren ist, und die Stillen fuer einige Muetter und Babys schwierig, wenn nicht sogar unmoeglich macht. Fuer ein richtiges und problemloses Stillen koennen die ersten Tage ausschlaggebend sein. Aber auch mit einem sehr negativen Start schafften es viele Muetter und Babys, erfolgreich zu stillen.

Der Schluessel zum erfolgreichen Stillen ist, das Baby korrekt an die Brust zu legen. Ein Baby, das richtig an der Brust saugt, kommt gut zu der Milch. Ein Baby, das nicht richtig an der Brust saugt, hat Schwierigkeiten, zur Milch zu gelangen, besonders wenn die Produktion niedrig ist. Ein nicht gut angelegtes Baby ist aehnlich wie eines, das aus einer Flasche trinkt, dessen Sauger zu kleine Loecher hat - die Flasche ist voll, aber das Baby erhaelt nicht viel davon. Wenn ein Baby nicht korrekt an der Brust trinkt, kann es auch wunde Brustwarzen verursachen, und dadurch, dass es wenig Milch erhaelt, trinkt es lange, was die Schmerzen erhoeht.

Hier einige Tips zum erfolgreichen Stillen:

  • Das Baby sollte sofort nach der Geburt an die Brust genommen werden. Der Grossteil der Neugeborenen kann wenige Minuten nach der Geburt gestillt werden. Studien haben gezeigt, dass viele nur wenige Minuten alte Babys, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt, vom Bauch der Mutter bis zur Brust "krabbeln" und ohne Hilfe zu saugen beginnen. Dieser Prozess kann bis zu einer Stunde oder laenger dauern, aber der Mutter und dem Baby sollte diese Zeit des Zusammenseins zugestanden werden, um sich so bald wie moeglich gegenseitig kennenzulernen. Babys, die auf diese Weise die Brust selbst finden, haben spaeter weit seltener Stillprobleme. Das ist fuer die Mutter nicht anstrengend und die Ausrede, dass es nicht praktiziert werden kann, da sie nach der Entbindung muede ist, ist ganz einfach unlogisch. Studien haben ausserdem gezeigt, dass der Hautkontakt zwischen der Mutter und dem Neugeborenen die gleiche Waerme erzeugt, wie ein Brutkasten.
  • Mutter und Baby sollten zusammen in einem Raum sein. Aus medizinischer Sicht gibt es absolut keinen Grund dafuer, gesunde Muetter und Babys zu trennen, auch nicht fuer kurze Zeit. Krankenhaeuser, die routinemaessig Muetter von Ihren Neugeborenen gleich nach der Geburt trennen, sind um Jahre zurueckgeblieben und die Gruende fuer die Trennung sind oft, zu zeigen, wer das Reden hat (das Krankenhauspersonal) und wer nicht (die Eltern). Oft werden Scheingruende fuer die Trennung angegeben. Ein Beispiel ist, dass das Neugeborene vor der Geburt Kindspech ausgestossen hat. Ein Baby, das Kindspech ausgestossen hat, und wenige Minuten nach der Geburt wohlauf ist, ist hoechstwahrscheinlich gesund und braucht nicht stundenlang "zur Beobachtung" im Brutkasten zu liegen.
  • Es gibt keinen Beweis dafuer, dass sich Muetter, die von ihren Babys getrennt werden, besser ausruhen. Im Gegenteil, sie entspannen sich mehr und sind weniger gestresst, wenn sie mit ihren Babys zusammen sind. Muetter und Babys lernen, im gleichen Rythmus zu schlafen. Wenn daher das Baby hungrig aufwacht, beginnt auch die Mutter natuerlich aufzuwachen. Das ist nicht so ermuedend, als wenn sie aus dem Tiefschlaf gerissen wird, wie es oft vorkommt, wenn sich das Baby im Moment des Aufwachens in einem anderen Raum befindet.
    Lange bevor das Baby zu schreien beginnt, zeigt es an, dass es hungrig ist. Es mag zum Beispiel sein, dass sich sein Atem veraendert, oder es beginnt, sich zu strecken. Die Mutter, die sich im Leichtschlaf befindet, wird aufwachen, ihre Milch beginnt zu laufen und das entspannte Baby ist gluecklich, gestillt zu werden. Ein Baby, das laengere Zeit schreien musste, bevor es an die Brust gelegt wird, mag die Brust verweigern auch wenn es extrem hungrig sein sollte. Muetter und Babys sollten im Krankenhaus die Moeglichkeit haben, nebeneinander zu schlafen. Das ist eine gute Gelegenheit fuer die Mutter, sich auszuruhen, waehrend sie das Baby stillt. Stillen sollte entspannend sein, nicht entnervend.
  • Dem Baby sollte kein Sauger gegeben werden. Es scheint, dass man sich nicht darueber einig ist, ob die "Saugverwirrung" existiert, oder nicht. Babys akzeptieren jegliche Methode, mit der sie rasch zu viel Fluessigkeit gelangen und es kann sein, dass sie andere Methoden ablehnen, bei der die Fluessigkeit nicht so schnell rinnt. Wenn daher dem Neugeborenen in den ersten Tagen, in denen die Mutter nur wenig Milch produziert (naturgewollt) Milch mit der Flasche bekommt (naturgewollt?) aus der die Milch rasch herauslaeuft, ist es wahrscheinlich, dass es die zweite Methode vorzieht. Man braucht kein Spitzen-Wissenschaftler zu sein, um das zu verstehen, und trotzdem scheinen viele Aerzte, von denen man sich eigentlich Hilfe erwarten sollte, nicht soweit zu sein, das zu begreifen. Die Saugverwirrung hat nicht nur die Verweigerung der Brust von seitens des Babys zur Folge, sondern da es nicht korrekt daran saugt, kommt es nicht so gut an die Milch, wie es sollte, und es kann ausserdem durch das nicht richtige Saugen wunde Brustwarzen verursachen. Die Tatsache allein, dass ein Baby beides akzeptiert, sowohl die Brust, als auch die Flasche, bedeutet nicht, dass das Flaeschen keinen negativen Effekt hat. Da es jetzt alternative Methoden gibt, wenn zugefuettert werden muss, warum sollte man dann einen Sauger verwenden?
  • Keine Beschraenkung der Frequenz und Dauer der Brustmahlzeiten. Ein Baby, das gut angelegt ist, wird nicht stundenlang an der Brust trinken. Wenn das der Fall sein sollte, bedeutet das meistens, dass es nicht korrekt saugt und nicht zu der zur Verfuegung stehenden Milch kommt. Man sollte in diesem Fall eine qualifizierte Person suchen, die einem dabei helfen kann, das Baby richtig an die Brust zu legen. Man sollte auch versuchen, die Brust so auszudruecken, dass die Milch direkt in den Mund des Babys gelangt, damit es mehr Milch erhaelt (siehe "Die Technik des Milchausdrueckens"). *Das* hilft, und nicht der Schnuller, nicht die Flasche, nicht das Baby zur Nursery zu bringen!
  • Zufuettern von Wasser, Zuckerwasserloesung oder Pulvermilch ist selten notwendig. In den meisten Faellen kann das Zufuettern vermieden werden, wenn man das Baby korrekt an die Brust anlegt und es somit zur vorhandenen Milch kommt. Wenn jemand sagen sollte, dass man zufuettern soll, ohne beobachtet zu haben, wie das Baby an der Brust trinkt, sollte man sich an jemanden wenden, der sich wirklich auskennt und weiss, worum geht. Es kommt selten vor, dass Zufuettern wirklich notwendig ist. In den meisten Faellen wird es zu Gunsten des Krankenhauspersonals empfohlen. Wo zugefuettert werden muss, sollte das Brusternaehrungsset verwendet werden, und weder die Tasse, noch die Technik des Fuetterns mittels Finger oder Spritze, noch die Flasche. Am Besten fuettert man mit der eigenen Vormilch zu. Es kann im Bedarfsfall, wenn es der Mutter anfangs nicht gelingt, viel Milch auszudruecken, mit Glukose gemischt werden. Synthetische Milch ist in den ersten Tagen selten noetig.

  • Ein gutes Anlegen ist eine Grundbedingung und der Schluessel fuer ein erfolgreiches und problemloses Stillen. Leider wird zu vielen Muettern von Leuten geholfen, die den Unterschied zwischen einem richtig und falsch trinkenden Baby nicht erkennen. Wenn jemand sagen sollte, dass das Baby richtig trinkt, trotzdem die Mutter sehr wunde Brustwarzen hat, sollte man skeptisch sein, und sich an jemanden wenden, der Erfahrung hat.
  • Bevor man das Krankenhaus verlaesst, sollte kontrolliert werden, ob das Baby richtig trinkt, und ob es auch wirklich gut zur Milch kommt. ("Mund auf - Pause -Mund zu"-Saugen). Wenn man das Krankenhaus verlaesst, ohne sich dessen sicher zu sein, sollte man sich so bald wie moeglich an jemanden wenden, der Erfahrung hat.
  • Gratisproben von Fertigmilchnahrung und Broschueren der Pulvermilchindustrie sind keine Geschenke. Es gibt nur einen Grund fuer diese "Geschenke" und zwar, zum Gebrauch dieser Produkte zu animiere. Es handelt sich um eine sehr wirklungsvolle und sehr unethische Form von Marketing. Falls man so eine Gratisprobe vom Krankenhauspersonal erhaelt, sollte man an dessen Sachverstaendnis und Interesse am Stillen zweifeln. "Aber ich brauche die Pulvermilch, da mein Baby nicht genug Milch von mir bekommt". Das mag schon sein, wahrscheinlicher ist aber, dass man keine gute Hilfe erhalten hat und das Baby ganz einfach nicht richtig an die Milch kommt. Man wende sich an eine erfahrene Person. Pulvermilchproben sind keine Hilfe.
  • Es gibt Faelle, in denen es unmoeglich ist, bald mit dem Stillen zu beginnen. Es muss allerdings gesagt werden, dass die meisten medizinischen Gruende (zum Beispiel wenn die Mutter Medikamente einnehmen muss) zum Aufhoeren oder Aufschieben des Stillens keine echten Gruende sind, und man falsch informiert wurde. Es wird empfohlen, Rat bei einer erfahrenen Person einzuholen. Fruehgeborene koennen viel eher mit dem Stillen beginnen, als es in vielen Krankenhaeusern praktiziert wird. Studien bestaetigen jetzt ziemlich eindeutig, dass es fuer Fruehgeborene leichter ist, an der Brust zu trinken, als mit der Flasche. Leider scheint es, dass viele Aerzte sich dessen nicht bewusst sind.

    Letzter Stand: Jaenner 98

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    Dieser Artikel kann fuer den persoenlichen Gebrauch ohne weitere Genehmigung ausgedruckt und unbegrenzt ausgeteilt werden; Fuer die Verwendung in anderen Publikationen setze man sich bitte mit dem Autoren in Verbindung: newman(at)globalserve.net

    Uebersetzung von - Ulrike Schmidleithner
    Die Originalseite in englisch findet man hier.


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