Stillen und Schuldgefuehl


Autor: Dr. Jack Newman MD FRCPC
Originaltitel: "Breastfeeding and Guilt "

Eines der wirkungsvollsten Argumente, das vieler Aerzte, Regierungsstellen und Babynahrungshersteller verwenden, um das Stillen nicht zu foerdern und zu unterstuetzen ist, dass "der Mutter keine Schuldgefuehle vermittelt werden sollen, wenn sie nicht stillt". Sogar einige starke Stillbefuerworter werden von dieser "der Mutter keine Schuldgefuehle geben"-Strategie entwaffnet.

Es ist naemlich tatsaechlich nichts anderes als eine Strategie. Es ist ein Argument, das von dem Mangel an Wissen und Verstaendnis des Grossteils des Gesundheitspersonals, was das Stillen betrifft, ablenkt. Es erlaubt Ihnen, sich nicht schuldig zu fuehlen wegen Ihre Unfaehigkeit, Frauen zu helfen ev. Schwierigkeiten beim Stillen zu ueberwinden, die ueberwunden werden koennen und die man vor allem normalerweise von Anfang an vermeiden koennte, wenn man die Muetter in ihren Bemuehungen zu stillen nicht so sehr behindern wuerde. Dieses Augument scheint auch der Flaschenmilchindustrie und dem Gesundheitspersonal ein Alibi zu geben, Werbebroschueren der Babynahrungsindustrie und Gratis-Flaschenmilchproben an schwangere Frauen und frischgebackene Muetter auszuteilen, ohne von Gewissensbissen geplagt zu werden, obwohl eindeutig bewiesen ist, dass diese Werbebroschueren und Gratisproben die Stillrate und -dauer senken.

Werfen wir einen Blick darauf, wie es sich wirklich abspielt. Wenn eine schwangere Frau zu ihrem Arzt geht und zugibt, dass sie ein Paket Zigaretten raucht, wird sie nicht mit groesster Wahrscheinlichkeit das Buero des Arztes mit einem Schuldgefuehl verlassen, weil sie ihr sich entwickelndes Baby in Gefahr bringt? Wenn sie zugeben wuerde, so und so oft zwei Glaeser Bier zu trinken, bestuende da nicht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass sie das Buero des Arztes mit einem Schuldgefuehl verlassen wuerde? Wenn eine Mutter zugeben wuerde, dass sie mit dem Baby im gleichen Bett schlaeft, wuerden nicht der Grossteil der Aerzte Schuldgefuehle in ihr aufkommen lassen, trotzdem wir wissen, dass es das Beste ist, was man fuer sich und sein Baby tun kann? Wenn sie mit ihrem eine Woche alten Baby zum Arzt gehen und ihm sagen wuerde, dass sie diesem normale Kuhmilch gibt, wie waere die Reaktion des Arztes? Die meisten wuerden einen Kollaps und einen Anfall bekommen. Sie wuerden sich keine Sekunde ein Problem daraus machen, der Mutter Schuldgefuehle zu geben, weil sie ihrem Baby Kuhmilch gibt und sie dann draengen, ihrem Baby Flaschenmilch zu geben. (Nicht, es zu stillen, wohlgemerkt, denn "man moechte ja nicht, dass eine Frau Schuldgefuehle bekommt, weil sie nicht stillt!")

Warum diese Nachsicht gegenueber der Flaschenmilch? Der Grund dafuer ist natuerlich, dass die Flaschenmilchindustrie einen derartig glaenzenden Erfolg mit ihrer Werbung erreicht hat, dass sie die meisten davon ueberzeugt hat, dass Fuettern mit Flaschenmilch fast genauso gut ist wie Stillen und dass es daher unnoetig ist, so ein grosses Theater zu machen, wenn Frauen nicht stillen. Man sagt, dass der Vizepraesident von Nestle hier in Toronto ausgerufen hat: "Klar, die Werbung funktioniert!". Es ist auch ein Balsam fuer das Gewissen vieler Vertreter des Gesundheitspersonals, die selbst nicht gestillt haben - oder deren Frauen nicht gestillt haben. "Ich moechte nicht, dass sich Frauen schuldig fuehlen, weil sie nicht stillen, denn ich moechte mich nicht selbst schuldig fuehlen, weil mein eigenes Kind nicht gestillt wurde".

Betrachten wir diese Sache etwas naeher. Die Flaschenmilch ist sicher theoretisch gesehen geeigneter fuer Babys als Kuhmilch. Tatsache ist aber, dass es keine klinische Studie gibt, die beweist, dass es irgendeinen Unterschied zwischen Babys gibt, die Kuhmilch erhalten und Babys, die mit Flaschenmilch ernaehrt wurden. Nicht eine einzige. Muttermilch und Stillen - was nicht das gleiche ist, wie die Ernaehrung mit Muttermilch - hat sehr viel mehr theoretische Vorteile gegenueber der Flaschenmilch, als die Flaschenmilch gegenueber der Kuhmilch (oder der Milch anderer Tiere). Wir sind gerade eben erst dabei, viele dieser Vorteile zu entdecken. Fast taeglich gibt es weitere Studien, die uns diese theoretischen Vorteile zeigen. Es gibt ausserdem eine Fuelle an klinischen Daten, die beweisen, dass (und das gilt auch fuer reiche Laender), gestillte Babys - und nebenbei gesagt auch ihre Muetter - weit besser davonkommen als mit Flaschenmilch ernaehrte Babys. Sie haben weniger Ohrentzuendungen, weniger Darminfektionen, eine weit geringere Chance, insulinabhaengige Diabetis und eine Menge anderer Krankheiten zu entwickeln. Die Mutter hat eine geringere Chance, an Brust- und Eierstockkrebs zu erkranken und ist wahrscheinlich auch vor Osteoporose geschuetzt. Das sind nur einige Beispiele.

Was sollten wir also tun, um das Stillen zu unterstuetzen? Alle schwangere Frauen und deren Familien sollten ueber die Risiken der Flaschenmilch aufgeklaert werden. Alle sollten zum Stillen ermutigt werden und alle sollten die bestmoegliche Unterstuetzung bekommen, um gleich nach der Geburt zu stillen. Denn alle guten Vorsaetze der Welt werden einer Mutter nichts nuetzen, wenn sie schreckliche Brustwarzenschmerzen bekommt, weil ihr Baby nicht richtig an die Brust angelegt wird; oder wenn einer Mutter gesagt wurde, fast immer unnoetigerweise, dass sie wegen irgendeiner aerztlichen Behandlung oder aufgrund einer Krankheit ihrerseits oder des Neugeborenen nicht mehr weiterstillen kann; oder eine Mutter, deren Milchmenge sich nicht ausreichend bilden konnte, weil sie falsche Informationen erhalten hat. Man kann sich darauf verlassen - Stillanweisungen des Gesundheitspersonals ist oft der haeufigste Grund dafuer, dass Muetter nicht stillen konnten.

Wenn Muetter ueber die Risiken der Flaschenfuetterung informiert werden und entscheiden, mit der Flasche zu fuettern, werden sie eine informierte Entscheidung getroffen haben. Diese Information darf jedoch nicht direkt von der Flaschenmilchindustrie kommen, wie es oft der Fall ist. Diese Werbebroschueren zaehlen einige Vorteile des Stillens auf um dann zu erklaeren, dass ihr Produkt fast so gut, nein eigentlich genauso gut ist. Wenn Muetter die bestmoegliche Hilfe zum Stillen erhalten und feststellen, dass das Stillen nichts fuer sie ist, dann werden sie sich nicht wegen mir darueber graemen. Wichtig ist, zu wissen, dass es leicht ist, vom Stillen auf die Flaschenfuetterung umzusteigen. In den ersten Tagen oder Wochen stellt das kein grosses Problem dar. Das gleiche gilt jedoch nicht fuer das Umsteigen von der Flaschenfuetterung aufs Stillen. Das ist oft sehr schwierig oder unmoeglich, wenn auch nicht immer.

Und zu guter Letzt, wer fuehlt sich schuldig wegen dem Nichtstillen? Nicht die Frau, die eine informierte Entscheidung getroffen hat und mit der Flasche fuettert; nein, die Frau, die stillen wollte, die es probiert hat, die aber nicht stillen konnte. Die Antwort, um zu vermeiden, dass Frauen sich schuldig fuehlen, weil sie nicht stillen, ist nicht, das Stillen nicht zu foerdern, sondern es muss gefoerdert werden, zusammen mit einer gut informierten und sachverstaendigen Unterstuetzung. Das geschieht jedoch in den meisten nordamerikanischen und europaeischen Kulturen nicht.

Letzter Stand: Jaenner 98

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Uebersetzung von - Ulrike Schmidleithner
Die Originalseite in englisch findet man hier.


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