Stillen und andere Lebensmittel


Autor: Dr. Jack Newman MD FRCPC
Originaltitel: "Breastfeeding and other foods "

Muttermilch ist die einzige Nahrung, die das Baby bis zum Alter von mindestens vier bis sechs Monaten braucht und die meisten Babys gedeihen sehr gut nur mit Muttermilch in den ersten sechs Monaten und laenger. Es bringt keinerlei Vorteile, wenn man frueher als im Alter von vier bis sechs Monaten andere Nahrungsmittel oder Milcharten zufuettert, ausgenommen in seltenen und aussergewoehnlichen Situationen. Viele der Faelle, in denen es notwendig erscheint, andere Nahrungsmittel zuzufuettern, sind auf einen Mangel an Information ueber die Physiologie des Stillens oder auf einen schwierigen Stillbeginn zureckzufuehren.

Zufuettern in den ersten Lebenstagen

Viele glauben, dass in den ersten Tagen nach der Geburt "keine Milch" vorhanden sei, und dass, bis die Milch "einschiesst", irgendeine Zusatznahrung notwendig sei. Diese Meinung scheint auf der Beobachtung zu beruhen, dass es oft scheint, dass Neugeborene in den ersten Tagen lange Zeit an der Brust trinken ohne satt zu werden. Der Schluessel liegt in den Worten "scheint zu trinken", waehrend sie in Wirklichkeit gar nicht lange effektiv trinken. Ein Baby kann nicht gut zur Milch kommen, wenn es nicht korrekt an der Brust angelegt ist. Wenn die Mutter dann am dritten bis siebten Tag eine grosse Menge Milch hat, kann es sein, dass das Baby viel davon erhaelt, trotzdem es nicht richtig angelegt ist. Waehrend der ersten Tage jedoch kann ein nicht richtig angelegtes Baby nicht leicht zur Milch kommen und es mag scheinen, dass es sehr lange trinkt. Es besteht ein Unterschied zwischen "an der Brust sein" und "an der Bust trinken". Das Baby muss korrekt angelegt sein, damit es zur Milch seiner Mutter kommt, die in einer fuer seine Beduerfnisse ausreichenden Menge vorhanden ist, wie von der Natur vorgesehen. Im Falle, dass - trotzdem man die Position des Babys korrigiert hat -, keine Besserung der Situation eintritt, und auch die Technik des manuellen Ausdrueckens der Milch nichts nuetzt, kann, wenn es vom medizinischen Standpunkt her als notwendig befunden wird, mit dem Brusternaehrungsset (siehe "Die Verwendung des Brusternaehrungssets") zugefuettert werden. Diese Stillhilfe ist eine weitaus bessere Zufuetterungsmethode als die Technik mit dem Finger oder mit der Tasse, vorausgesetzt, dass das Baby die Brust akzeptiert. Sie ist bei weitem der Verwendung der Flasche vorzuziehen. In den meisten Faellen ist es jedoch am hilfreichsten, wenn man das Baby zuerst einmal richtig anlegt und sehr oft besteht keine Notwendigkeit zum Zufuettern.

Wasser

Muttermilch besteht aus ueber 90% Wasser. Babys, die gut an der Brust trinken, brauchen kein zusaetzliches Wasser, auch nicht im Sommer. Babys die nicht korrekt trinken brauchen auch kein zusaetzliches Wasser, sondern in diesem Fall sollte man versuchen, die Saugtechnik zu korrigieren. Babys brauchen sogar bei heissem Wetter kein zusaetzliches Wasser.

Vitamin D

Es scheint, als ob Muttermilch nicht viel Vitamin D enthalte. Wir muessen annehmen, dass das naturgewollt ist, und nicht, dass es sich um einen Fehler der Evolution handelt. Das Baby speichert Vitamin D waehrend der Zeit im Bauch der Mutter und wird ohne Vitamin D-Zusaetze gesund sein, ausser die Mutter selbst hatte waehrend der Schwangerschaft einen Mangel an diesem Vitamin. In Kanada ist ein Vitamin-D-Mangel eine Seltenheit. Wenn man das Baby nach draussen bringt, wird es selbst im Winter und auch bei bewoelktem Himmel mit diesem Vitamin versorgt. Es genuegt, es im Laufe einer Woche insgesamt eine Stunde ins Freie zu bringen und auch wenn nur sein Gesicht dem Tageslicht ausgesetzt wird, und selbst im Winter erhaelt es auf diese Weise mehr als genug Vitamin D erhalten.
In Ausnahmsfaellen mag es angezeigt sein, dem Baby Vitamin D zu verabreichen. Zum Beispiel in Situationen, in denen es unmoeglich ist, das Baby den ultravioletten Strahlen der Sonne auszusetzen (Nordkanada im Winter, oder wenn das Baby nie nach draussen gebracht wird), ist es ratsam, dem Kind zusaetzliches Vitamin D zu verabreichen. Vitamin-D-Tropfen sind teuer.

Eisen

Muttermilch enthaelt viel weniger Eisen als Flaschenmilch, besonders die mit Eisen angereicherte. Diese Tatsache scheint dem Baby einen zusaetzlichen Schutz vor Infektionen zu geben, da viele Bakterien zum Zweck ihrer Vermehrung Eisen brauchen. Das Eisen in der Muttermilch wird vom Baby sehr gut aufgenommen (ca. 50% davon wird absorbiert) und es ist in einer Form, die von Bakterien nicht verwendet werden kann. Das gestillte, reife Baby braucht in den ersten ca. sechs Lebensmonaten kein zusaetzliches Eisen. Die Zufuehrung von eisenhaltigen Nahrungsmitteln sollte nicht sehr viel laenger als sechs Monate hinausgeschoben werden.

Feste Nahrung (siehe" Zufuettern von fester Nahrung")

Gestillte Babys brauchen normalerweise in den ersten sechs Monaten keine feste Nahrung. Eigentlich brauchen viele keine feste Nahrung bis zum Alter von sieben-neun Monaten, ihrer Gewichtszunahme und ihrem Eisenstatus nach zu urteilen. Es gibt jedoch einige Babys, die grosse Schwierigkeiten dabei haben, zu lernen, feste Nahrung zu akzeptieren, wenn sie nicht vor dem Alter von sieben bis neun Monaten damit anfangen. Da das sechs Monate alte Baby ohnehin bald eine zusaetzliche Eisenquelle braucht, wird normalerweise empfohlen, mit dem Zufuettern fester Nahrung im Alter von sechs Monaten zu beginnen. Einige Babys zeigen mit fuenf Monaten ein grosses Interesse daran, nach Nahrungsmitteln vom Tisch zu greifen und es besteht kein Grund, ihnen nicht zu erlauben, die Nahrung in die Haende zu nehmen, mit ihr zu spielen, sie in den Mund zu nehmen und zu essen.
Es wurde eine Gewohnheit der Aerzte, zu empfehlen, dem Baby zuerst Getreide zu fuettern und mit anderen Lebensmitteln erst spaeter zu beginnen. Wie dem auch sei, das sechs Monate alte Baby unterscheidet sich sehr vom Viermonatigen. Viele Sechsmonatige moegen Getreide nicht, wenn es zu diesem Zeitpunkt eingefuehrt wird. Man zwinge das Baby nicht, es zu essen, sondern biete ihm andere Speisen an und versuche es vielleicht noch einmal mit Getreide, wenn das Baby etwas aelter ist. Wenn es das Getreide ablehnt, dann braucht man sich keine Sorgen zu machen, dass ihm etwas abgeht. Getreide hat nichts Magisches an sich und Babys gedeihen auch ohne. Wie dem auch sei, es ist gut moeglich, dass das Baby bald Brot zu essen beginnt. Die beste Methode, um dem Baby zusaeaetzliches Eisen zuzufuehren ist, ihm Fleisch zu geben.
Es besteht kein Grund dafuer, pro Woche jeweils nur ein Nahrungsmittel einzufuehren und es ist auch nicht notwendig, dass man mit dem Gemuese vor den Fruechten beginnt. Jeder, der ueber die Suesse der Fruechte besorgt ist, hat noch nie Brustmilch gekostet. Dem sechs Monate alten Baby kann fast alles gegeben werden, was sich auf dem Teller der Eltern befindet, und das man mit einer Gabel zerdruecken kann.

Man wird weit weniger Essprobleme mit dem Baby haben, wenn man dafuer sorgt, dass dabei eine gelassene Athmosphaere herrscht.

Muttermilch, Kuhmilch, Flaschenmilch, Auswaerts Arbeiten und Flaschenmilch (Siehe: "Wie ernaehrt man das Baby, wenn die Mutter auswaerts arbeitet?")

Ein gestilltes Baby, das aelter als ca. vier Monate ist, wird hoechstwahrscheinlich die Flasche nicht akzeptieren, wenn es nicht schon vorher daran gewoehnt wurde. Das ist aber kein Nachteil. Im Alter von ca. sechs Monaten oder sogar frueher kann das Baby beginnen, das Trinken aus der Tasse zu lernen und normalerweise ist es im Alter von sieben-acht Monaten soweit, dass es gut damit zurechtkommt. Auch wenn die Mutter ca. sechs Monate nach der Entbindung ihre auswaertige Arbeit wieder aufnimmt, besteht kein Grund mit der Flasche oder Flaschenmilch zu beginnen. In diesem Fall kann man etwas frueher mit dem Zufuettern von fester Nahrung anfangen (ca. mit vier oder fuenf Monaten), sodass das Baby zum Zeitpunkt, an dem die Mutter ihre auswaertige Arbeit wieder aufnimmt, den Grossteil der festen und fluessigen Nahrung, die es waehrend der Abwesenheit der Mutter zu sich nimmt, von einem Loeffel nehmen kann. Spaeter kann dann schrittweise immer mehr und mehr die Tasse zur Verabreichung der Fluessigkeit verwendet werden. Mutter und Baby koennen in so einer Situation sehr gut ohne Flasche auskommen. Man versuche nicht, das Baby durch aushungern dazu zu zwingen, die Flasche zu akzeptieren. Das Baby ist nicht dickkoepfig, sondern es kann nicht mit einem Sauger umgehen. Es ist auch moeglich, dass es den Geschmack der Flaschenmilch nicht mag, was verstaendlich ist.

In letzter Zeit wurde viel darueber gesprochen, dem Baby mindestens in den ersten neun Lebensmonaten keine Kuhmilch zu geben. Das gilt aber in Wirklichkeit nicht fuer gestillte Babys. Das gestillte Baby kann ab dem Alter von sechs Monaten als Teil seiner Milchnahrung eine kleine Menge Kuhmilch trinken, besonders, wenn es auch begonnen hat, groessere Mengen und eine reiche Auswahl von fester Nahrung zu sich zu nehmen. Als Alternative kann auch Ziegenmilch gegeben werden. Viele gestillte Babys akzeptieren die Flaschenmilch wegen des Geschmacks nicht. In Wirklichkeit kann das gestillte Baby die gesamte Milchnahrung, die es braucht, von der Brust erhalten, und es ist nicht notwendig, ihm andere Arten von Milch zu geben, auch wenn es nur wenige Male am Tag gestillt wird.

Mein vier Monate altes Baby wird mit meiner Milch alleine nicht satt. Soll ich mit dem Zufuettern von fester Nahrung oder mit Flaschenmilch beginnen?

In dieser Situation bringt es keinen Vorteil, dem Baby Flaschenmilch mit einer Flasche zu geben, im Gegenteil, es kann sich nachteilig auswirken. Sogar in diesem Alter kann es vorkommen, dass ein Baby beginnt, die Flasche vorzuziehen, wenn es scheint, dass es aus der Brust nicht genug erhaelt (falls es ueberhaupt eine Flasche akzeptiert). In diesem Fall waere es vorzuziehen, dem Baby feste Nahrung mit einem Loeffel zu geben, statt Flaschenmilch mit einer Flasche. (In vielen Faellen kann so eine Situation wieder normalisiert werden, indem man die Stillhandhabung korrigiert - (Man wende sich an eine erfahrene Person). Will man Flaschenmilch mit fester Nahrung mischen, so verursacht das nicht die Art von Problemen, wie die, die eine Verabreichung mittels Flasche auftreten koennen. Wenn es scheint, dass das Baby nach dem Stillen noch hungrig ist, gebe man ihm feste Nahrung mit einem Loeffel. Es ist jedoch moeglich, dass das Baby mittels einer einfachen Technik gut zunimmt, und/oder mit der Brustmilch alleine zufrieden ist. Man wende sich an die Stillklinik.

Letzter Stand: Jaenner 98

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Uebersetzung von - Ulrike Schmidleithner
Die Originalseite in englisch findet man hier.


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