Empfehlungen fuer Vorbeugung und Behandlung der Hypoglykaemie


Originaltitel: "Hypoglycaemia of the Newborn" - Recommendations for Prevention and Management - veroeffentlicht von der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1997

Autor: Anthony F. Williams, DPhil, FRCP, Senior Lecturer & Consultant in Neonatal Paediatrics, St. George's Hospital Medical School, London, UK.



  1. Fruehes und ausschliessliches Stillen deckt zuverlaessig und in vollem Umfang das Nahrungsbeduerfnis eines gesunden, termingerecht geborenen Babys.

  2. Bei gesunden, termingerecht geborenen Babies sind weder Routineuntersuchungen des Blutzuckergehalts notwendig, noch muss in irgendeiner Form zugefuettert werden.

  3. Wenn bei gesunden, termingerecht geborenen Babies "Symptomatische" Hypoglykaemie auftritt, dann niemals allein deshalb, weil zuwenig gefuettert wird. Wenn bei einem Baby Anzeichen fuer eine Hypoglykaemie (siehe Punkt 17) vorliegen, muss nach einer tieferliegenden Ursache gesucht werden. Das Erkennen und die Behandlung dieser Ursache ist ebenso wichtig wie die Korrektur des Blutzuckergehalts.

  4. Um einer Hypoglykaemie vorzubeugen, ist neben dem Stillen auch Waermeschutz (der Erhalt der normalen Koerpertemperatur) fuer das Baby unerlaesslich.

  5. Mit dem Stillen sollte begonnen werden, sobald das Baby dazu bereit ist; idealerweise innerhalb einer Stunde nach der Geburt. Das Baby sollte nach der Geburt sofort abgetrocknet und der Mutter Haut an Haut auf die Brust gelegt werden. Dadurch wird das Baby gewaermt und der Stillbeginn erleichtert.

  6. Gestillt werden sollte nach Bedarf. Gesunde, termingerecht geborene Babies zeigen es, wenn sie hungrig und zum Trinken bereit sind. Der Abstand zwischen zwei Mahlzeiten kann aber besonders in den ersten Lebenstagen sehr unterschiedlich sein. Es gibt keine Beweise dafuer, dass es sich für ein gesundes, termingerecht geborenes Baby, das warm gehalten und bei Bedarf gestillt wird, nachteilig auswirkt, wenn zwischen zwei Stillmahlzeiten eine laengere Pause liegt. Wenn ein Baby nicht zeigt, dass es Hunger hat oder sich gegen das Fuettern wehrt, sollte es untersucht werden, um eine Erkrankung auszuschliessen.

  7. Hypoglykaemie gefaehrdet sind Neugeborene, die vor dem errechneten Termin geboren wurden und/oder fuer die jeweilige Schwangerschaftswoche zu klein sind, an Intrapartum Asphyxia leiden oder krank sind oder deren Mutter Diabetikerin ist.

  8. Bei einem gefaehrdeten Neugeborenen ist die Wahrscheinlichkeit einer Hypoglykaemie in den ersten 24 Stunden nach der Geburt am groessten, wenn es sich auf das Leben ausserhalb des Mutterleibs umstellen muss. Wenn Hypoglykaemie spaeter auftritt, laenger anhaelt oder wiederholt auftritt, ist das nicht unbedingt ein Anzeichen fuer unzureichendes Fuettern. Es gibt eine Vielzahl anderer moeglicher Ursachen (siehe Tabelle 3 des Hauptdokumentes). Es kann auch ein Anzeichen fuer eine Erkrankung wie z. B. eine Infektion sein. Man sollte entsprechende Fachliteratur konsultieren.

  9. Fuer gefaehrdete Neugeborene ist Muttermilch die sicherste und hinsichtlich der Zusammensetzung geeignetste Ernaehrung. Fuer Babies mit sehr niedrigem Geburtsgewicht kann es aber erforderlich sein, spezifische Naehrstoffe zuzufuettern.

  10. Gefaehrdete Neugeborene, die ab der 32. Schwangerschaftswoche oder mit einem Geburtsgewicht von mehr als 1500 g geboren wurden, sind wahrscheinlich in der Lage, ausreichend an der Brust zu saugen, um ihren Nahrungsbedarf zu decken (siehe aber auch Punkt 12). Wenn sie gesund sind, sollten sie wie termingerecht geborene Babies innerhalb einer Stunde nach der Geburt die Moeglichkeit bekommen, an der Brust zu saugen.

  11. Gefaehrdete Neugeborene, die ausreichend saugen koennen, sollten immer dann angelegt werden, wenn sie Hunger signalisieren. Zwischen zwei Mahlzeiten sollten jedoch niemals mehr als drei Stunden liegen. Es muss sorgfaeltig darauf geachtet werden, dass die Koerpertemperatur stets im normalen Bereich liegt.

  12. Gefaehrdeten Neugeborenen, die nicht gut genug saugen, um aus der Brust ausreichend Milch zu entnehmen, aber gesund genug sind, um gefuettert werden zu koennen, kann mit einer Tasse oder einer Magensonde ausgestrichene Muttermilch oder wenn notwendig ein geeigneter Muttermilchersatz gegeben werden. Mit dem Fuettern sollte innerhalb von drei Stunden nach der Geburt begonnen werden. Zwischen den Folgemahlzeiten sollten dann nie mehr als drei Stunden liegen. (Fuer Informationen zur Fuetterung von Neugeborenen, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden oder ein sehr geringes Geburtsgewicht aufweisen, krank sind oder deren Mutter Diabetikerin ist oder die unter Umgehung des Verdauungstraktes gefuettert werden muessen, sollte in entsprechender Fachliteratur nachgeschlagen werden.)

  13. Wenn verlaessliche Labormessinstrumente zur Verfuegung stehen, sollte bei gefaehrdeten Neugeborenen etwa 4 bis 6 Stunden nach der Geburt, vor einer Fuetterung, der Blutzuckergehalt bestimmt werden. Messungen mit Blutzucker-Teststreifen ergeben bei Neugeborenen keine verlaesslichen Werte und sollten deshalb nicht als Alternative betrachtet werden.

  14. Bei gefaehrdeten Neugeborenen, die klinisch unauffaellig ("Asymptomatisch") sind, sollte der Blutzuckergehalt vorzugsweise bei oder ueber 47mg/100ml gehalten werden.

  15. Wenn der Blutzuckergehalt unter 47mg/100ml sinkt, dann ...:

    1. ... sollte das Baby gefuettert werden. Wenn das Baby ausreichend gut saugt, kann es gestillt werden. Wenn nicht, kann mit einer Tasse oder einer Magensonde ausgestrichene Muttermilch oder ein geeigneter Muttermilchersatz gegeben werden.

    2. ... sollte die Blutzuckermessung moeglichst nach einer Stunde, auf jeden Fall aber vor der naechsten Fuetterung drei Stunden spaeter wiederholt werden. Wenn der Wert dann noch immer unter 47mg/100ml liegt, sollte eine intravenoese Glucose-Behandlung in Betracht gezogen werden.

    3. ... sollte -wenn eine intravenoese Verabreichung von Glucose nicht moeglich ist- mit einer Tasse oder einer Magensonde Ergaenzungsnahrung gegeben werden.

    4. ... sollte weiter gestillt werden.


  16. Stehen keine verlaesslichen Laborgeraete zur Verfuegung um den Blutzuckergehalt zu messen, sollten gefaehrdete Neugeborene warm gehalten und gestillt werden. Ist Stillen nicht moeglich, sollte ihnen mindestens alle drei Stunden mit einer Tasse oder einer Magensonde ausgestrichene Muttermilch oder geeigneter Muttermilchersatz gegeben werden. Das Baby sollte sooft und solange wie moeglich gestillt werden.

  17. Die vorgenannten Empfehlungen gelten nicht, wenn es dem Neugeborene nicht gut geht oder wenn es Anzeichen von Hypoglykaemie zeigt: Atemstillstand, Zyanose, starkes Zittern oder Konvulsionen ("symptomatische Hypoglykaemie"). Der Blutzuckergehalt sollte dann umgehend bestimmt werden. Liegt der Wert unterhalb 47mg/100ml sollte so schnell wie moeglich intravenoes Glucose verabreicht werden.

  18. Wenn zur Behandlung einer "symptomatischen Hypoglykaemie" eine intravenoese Behandlung angezeigt und durchfuehrbar ist, sollten 10 % Glucose intravenoes gegeben werden. Der Blutzuckergehalt sollte mehrfach gemessen und die Infusionsrate entsprechend angepasst werden. Es sollte sobald wie moeglich wieder zur normalen Fuetterung uebergegangen werden.

  19. Ist keine zuverlaessige Bestimmung des Blutzuckergehalts moeglich, sollte die intravenoese Verabreichung von Glucose vorerst unterbleiben. Sie sollte fuer die Behandlung von ernsteren Komplikationen, die mit Hypoglykaemie in Verbindung stehen (z. B. Konvulsionen), und fuer Situationen reserviert bleiben, in denen eine enterale Fuetterung nicht angezeigt ist. Wann immer möglich, ist der enteralen Fuetterung der Vorzug zu geben.
Weiterfuehrende Einzelheiten zu den oben genannten Verfahren finden sich im Hauptdokument "Hypoglycaemia of the Newborn, Review of the Literature".

© 1997 World Health Organization

Uebersetzung: Olaf Kuppi


mappe home Index Newman Dettwyler Autoren Stillkultur Stillerfahrungen

Ulrike Schmidleithner    info(at)uebersstillen.org
Alle Rechte vorbehalten
1999 - 2013