"Vor 18 Jahren und heute"


1981 gebar ich meine erste Tochter Janina. Damals bekam ich sie zwar nach der Geburt vermessen, gewaschen und gut verpackt in den Arm, doch dann wurde sie auch schon ins Kinderzimmer gebracht. Ein 2. Mal brachte man sie mir dann 6 Stunden spaeter, jetzt durfte ich sie auch anlegen, eine Schwester half mir dabei. Das Stillen klappte damals ganz gut und ohne grosse Probleme. Da es auch ueblich war, dass man "ueberfluessige" Milch abgeben konnte (die "Milchsammelstelle" des Krankenhauses fuhr durch die Stadt und holte die Flaschen bei den einzelnen Muettern zuhause ab und verwendete diese Muttermilch fuer Saeuglinge, die sie dringend brauchten), pumpte ich einige Wochen fleissig ab.

In der 6. Woche waehrend eines Untersuchungstermins beim Kinderarzt beklagte ich, dass Janina immer soviel Milch wieder ausspucken wuerde. Daraufhin verschrieb mir der Kinderarzt ein Beruhigungsmittel - was ich unkritisch auch verabreichte. Das hatte zur Folge, dass Janina nur noch 3 - 4 mal pro Tag munter wurde zum Stillen. Nach wenigen Tagen setzte ich von mir aus diese Tabletten wieder ab weil mir dieser Essrhythmus sonderbar vorkam. Natuerlich wollte sie sofort oefter trinken. Mit dem Ergebnis, dass ich davon ueberzeugt war, dass nun meine Milch nicht mehr reiche - weil sie eben durch das seltene Stillen zurueckgegangen war. Leider bestaerkten mich die Fachleute wie Kinderarzt und Hebammen von der Muetterberatung in der Annahme, dass nun nur noch Zufuettern helfen wuerde das Kind satt zu bekommen. In der 7. Woche mit Flaeschchen zufuettern bewirkte eine leichte Saugverwirrung und fuer mich war es viel mehr Arbeit (Stillen und Kochen), so dass ich beschloss komplett auf die Flasche umzustellen. Eine andere, auf weiteres Stillen abzielende Information gab es nicht.

Mangels besseren Wissens wurde so Janina viel zu frueh abgestillt.

Als ich 1996 zum 2. mal schwanger war, wusste ich noch eines aus der Zeit vor 15 Jahren ganz genau: Stillen ist total klasse! Ich erinnerte mich sehr gut daran, wie wunderbar es war, sein warmes, weiches "Buendel" im Arm zu haben und satt und gluecklich zu machen. So stand fuer mich fest, dass ich stillen wuerde - wenn es irgendwie geht bestimmt 6 Monate.

Linda kam in einem Krankenhaus spontan und innerhalb von 3,5 Stunden nach Blasensprung zur Welt. Als sie abgenabelt und in ein Handtuch gewickelt (noch nicht gewogen oder aehnliches) auf meinem Bauch lag, mein Mann und ich sie uns voller Neugierde und entspanntem Glueck anguckten, reckte sie ihr Gesichtchen schon nach "oben" (Richtung Brust) und machte Bewegungen mit dem Mund. Ich umfasste sie instinktiv und schob sie leicht immer weiter vorwaerts Richtung Brust. Wir konnten es gar nicht fassen - deshalb machte ich auf diesem langen Weg auch oefter eine Pause, doch dieser kleine, frische Mensch wollte ganz (ziel)sicher Richtung Mutterbrust. Endlich angelangt dockte sie auch sofort an und saugte. Irgendwann musste ich sie dann hergeben, damit sie untersucht werden konnte. Natuerlich bekam ich sie anschliessend wieder, irgendwann schlief sie, 2 Stunden spaeter stand ich von meinem Niederkunftslager auf, legte sie in ihr Bettchen und begab mich in mein Zimmer. Die Hebamme meinte, ich solle mich jetzt ausruhen und das Kind kaeme ins Kinderzimmer. Sooo matt fuehlte ich mich nun auch nicht und protestierte. Doch ohne Erfolg. 4 Uhr morgens legte ich mich alleine schlafen, 5.30 Uhr wachte ich mit einem ungewohnten Angstgefuehl wieder auf und begab mich sofort auf die Suche nach meinem Kind. Ab dem Moment nutzte ich das rooming in, musste sie aber weiterhin nachts "abgeben" - was ich jetzt aber besser tolerieren konnte.

Von Anfang an saugte Linda immer sehr gut und gern. Doch mit dem Milcheinschuss am 3. Tag kam unser 1. Stillproblem. Ich hatte so prall gefuellte Brueste, dass sie die Brustwarze(n) gar nicht mehr richitg zu fassen bekam. Sie weinte ganz sehr, so knapp vor der Futter-Quelle und doch hungrig. Irgendwann holte ich - selbst total ratlos - mir eine Hebamme hinzu, sie wurde zu mir etwas energisch (weil ich selbst schon den Glauben daran, das Linda wirklich wegen Hunger weint, aufgegeben hatte; ich dachte, ihr fehlt etwas anderes) und gab sich 10 Minuten Muehe, das schreiende Kind an "seine" Brust anzulegen. Irgendwann klappte es. Die naechsten Mahlzeiten hatte Linda zwar die gleichen Probleme, doch ich wusste nun, dass und wie ihr zu helfen war. Zwei weitere Probleme in diesen Tagen waren die Risse in den Brustwarzen, die sich wohl durch falsches Anlegen gebildet hatten, sowie die viele, viele Milch in der Brust, die von Linda allein gar nicht entleert werden konnte.

Letzteres aenderte sich im Laufe der ersten 2 Wochen durch Ausstreichen nach warmem Duschen der Brueste, durch kalte Quarkwickel nach dem Ausstreichen und durch Eisbeutel in Form von wassergefuellten und im Eisfach gefrorenen Gummihandschuhen waehrend der Nacht.

Die feinen Risse quaelten mich laenger. Ca. 5 - 6 Wochen brauchte ich, um sie mittels aufgetraeufelter Muttermilch und Calendula-Essenz sowie haeufigem Unbedecktlassen zur Heilung zu bringen. Die meist empfohlene Vorsichtsmassnahme, nur in bestimmten Abstaenden und fuer nur jeweils 10 Minuten zu stillen, habe ich dabei nicht eingehalten - weil Linda viel oefter Hunger hatte und ich viel zuviel Milch.

Nach 3 ersten Wochen wunderbarer Umsorgung durch meinen Mann musste ich endlich wieder selbst "zurueck in den Haushalt". Aber sobald ich Linda hinlegte, war sie unzufrieden. Das brachte mich / uns unweigerlich zum Tragen. Denn sobald ich sie das 1. Mal in eine Tragehilfe setzte, schlief sie sofort ein und ich konnte Kartoffeln schaelen - mit ihr am Koerper. Sicher, es war anfangs schwierig weil :schwer. Doch im Laufe der Wochen gewoehnte sich mein Koerper immer besser daran. Und waren es zu Beginn 10 Minuten, die ich aushielt ohne mich zu setzen, so konnte ich irgendwann einmal 3 Stunden spazieren gehen mit ihr vorn im Tragesack. Einen weiteren Vorteil hatte dieses Tragen: Sie konnte sich zu jeder Zeit "andocken" und stillen. Und es war wunderbar kuschlig, meine liebe Maus so nah bei mir zu haben. Ich fuehlte mich herrlich und uebergluecklich dabei.

Aehnlich ergab sich unser "Familienbett".
Schon in den ersten Tagen und Wochen schlief Linda regelmaessig an der Brust ein. Tags steckte ich sie in ihren Tragesack und trug sie mit mir herum. Abends und nachts legte ich sie in ihr Koerbchen neben meinem Bett und meistens brauchte sie nur 5 bis 10 Minuten, bis sie sich wieder komplett munter gemacht hatte. Viele Naechte hatte mein Mann sie dann im Arm, sass auf dem Sessel und schlief ein. 2 Stunden spaeter legte er sie in ihre Schlafstaette - 10 Min. danach war sie munter. Ich legte sie wieder an und wartete, sie schlief, ich legte sie in ihr Koerbchen - 10 Min. danach war sie munter. Damals las ich in diesen langen Naechten "Drei in einem Bett" von Deborah Jackson und "Leben mit einem Neugeborenen" von Barbara Sichtermann, die mir sagten, dass frau und Kind durchaus zusammen im Ehebett schlafen koennen; selbst da fehlte mir noch der Glaube daran. Doch irgendwann war ich so muede, dass ich beim Stillen im Liegen einschlief und erst zur naechsten Mahlzeit - voellig ueberrascht - wieder aufwachte. Sie wollte einfach nicht allein schlafen ... irgendwann hatte ich es kapiert.

Linda war knapp 4 Wochen alt, als sich der 1. Wachstums-Schub anmeldete. Fuer mich stellte es sich so dar, als wenn sie nicht mehr ausreichend Milch bekaeme. Viele Tage, an denen ich das Baby ´mal satt bekam und dann wieder nicht, vergingen - niemand konnte mir wirksame Empfehlungen geben. In einer Stillgruppe war ich damals noch nicht. Mein Eindruck, dass sie nicht mehr satt wird, wurde immer staerker. Irgendwie fuehlte ich aber auch, dass das erste Zufuettern mit der Flasche nicht der richtige Ausweg sei - obwohl es mir schwer fiel zu glauben, dass es andere Moeglichkeiten gaebe. Am "Ende" (bzw. kurz davor) wusste ich mir keinen anderen Rat als noch einmal in meiner Broschuere "Stillen - Der beste Start ins Leben" vom Hamburger Senat nachzuschauen und bei der darin genannten LLL-Beraterin anzurufen. Es war Weihnachten und ich hatte ganz schoene Hemmungen, eine wildfremde Frau mit meiner Sorge zu belasten. Doch es half ja alles nichts - Linda schrie wie am Spiess und ich war mit meinen Nerven total fertig. Nach den ersten drei, vier Saetzen am Telefon musste ich sogar richtig weinen vor Anspannung und Erschoepfung. Sie hat dann jedenfalls ganz sehr wunderbar das Gespraech gefuehrt und mit viel Geduld und Einfuehlungsvermoegen erklaert, wie diese Erscheinung zusammenhaengt mit dem erhoehten Bedarf und wie ich das alles "in den Griff" bekomme. Danach brauchte es 2 Tage, an denen ich Linda fast ununterbrochen angelegt hatte, 30 Minuten links, 30 Minuten rechts usw., bis sich Angebot und Nachfrage wieder eingepegelt hatten.

Als Linda 11 Monate alt wurde, kam auch mein erster Arbeitstag (Mo - Fr, taeglich 6 Stunden) . Bis dahin hatten wir sie innerhalb von 6 Wochen bei einer Tagesmutter "eingewoehnt". Da sie sich noch ueberwiegend stillte, nahm ich die gesetzlich genehmigte Stillpause in Anspruch und fuhr nach ca. 3 Stunden zu ihr. Ab 13. Monat brauchte sie diese Stilleinheit kaum mehr, Ende 14. Monat fuhr ich nicht mehr waehrend der Arbeitszeit zu ihr. Anmerken moechte ich hier, dass diese Stillpause in Deutschland nur bis Ende 1. Lebensjahr gesetzlich eingeraeumt wird. Darueberhinaus wird dem Arbeitgeber ueberlassen, ob er sie gewaehrt oder nicht.

Nun ist Linda gerade 3 Jahre alt geworden - und stillt sich nach wie vor mit viel Begierde, tags und nachts. Mein Mann meint, ich muesse sie jetzt endlich mal davon abbringen, durch Hinausschieben des Stillens, durch Ablenkmanoever, durch Abwesenheit usw.. Eventuell wird das ja unser letztes Still-Problem sein, das wir durchstehen ... denn irgendwann wird auch Linda sich selbst abstillen.


(November 1999)

© Franziska




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