"Sie haben keine Milch"




Ich bin die Mutter von Lorenzo, der in dieser Woche seinen ersten Geburtstag gefeiert hat. Er ist soeben beim Stillen in unserem Familienbett eingeschlafen. Dass es mir heute noch moeglich ist, ihn zu stillen, habe ich der lokalen Stillberaterin der La Leche League (LLL) zu verdanken.

Ich erzaehle Euch was sich zugetragen hat:

Im dritten Schwangerschaftsmonat schickte mir eine Freundin aus Muenchen das Buch "HANDBUCH FÜR DIE STILLENDE MUTTER" der LLL.

Sie schrieb, dass sie immer zu den Stillgruppen ginge und dass sie sehr gerne Stillberaterin werden wuerde. Ich wunderte mich damals, wie man so ein umfangreiches Buch uebers Stillen schreiben konnte. Es konnte doch gar nicht schwer sein: Man brauchte doch nur das Baby an die Brust zu legen, und die Natur nahm ihren Lauf. Ich legte das Buch daher vorerst zur Seite.

Lorenzo kam "termingerecht" im Krankenhaus von P. auf die Welt. Die Geburt verlief problemlos und schnell. Er wog 3 kg 100 gr. Da fuer mich das Stillen sehr wichtig war und ich wusste, dass es am besten war, das Baby sofort nach der Geburt and die Brust zu legen, bat ich, ihn gleich stillen zu koennen. Lorenzo naeherte sich meiner Brust nicht einmal andeutungsweise, sondern studierte mit sichtlichem Interesse mein Gesicht. Nach wenigen Minuten wurde er mir wieder genommen.

Vier Stunden nach der Geburt, um 6 Uhr frueh, ging ich zur Nursery um Lorenzo zu stillen. (In P. wird heute noch das Stillen gemaess fixem Zeitplan praktiziert, das heisst es werden die klassischen sechs Brustmahlzeiten eingehalten - die erste um 6 Uhr und die letzte um 23:30) Leider gaben ihn mir die Krankenschwestern nicht, da er gemaess Krankenhaussitte zur "Beobachtung" im Waermekasten liegen musste. Ich konnte ihn jedoch anschauen. Er lag da, ganz rot, und schrie aus Leibeskraeften. Noch heute habe ich Gewissensbisse, weil ich nicht darauf bestanden hatte, dass man ihn mir gab und ich ihn beruhigen und stillen konnte.

Spaeter, um 9:00 Uhr, kam der grosse Moment. Aber Lorenzo wollte von meiner Brust nichts wissen und liess die Brustwarze immer gleich wieder los. Es war zum Verzweifeln! Wir hatten nur 30 Minuten zur Verfuegung. Ich war ziemlich niedergeschlagen, als ich ihn den Schwestern aushaendigen musste und diese versuchten mich mit den Worten: "Er ist ja noch so klein" zu beruhigen. Und sie gaben ihm Zuckerwasserloesung mit einem Flaeschen. So ging es dann mehr oder weniger jedesmal. Auch wenn ich glaubte, dass er etwas von meiner Milch bekommen hatte, legten sie ihn auf die Waage und sagten: "Nichts". Vom zweiten Tag an gaben sie ihm Pulvermilch. Ich war dagegen, fuehlte mich aber dem Pflegepersonal gegenueber so machtlos. Ich ging immer niedergeschlagener zu meinem Bett zurueck. Mein Glaube, dass Stillen einfach sei, verschwand langsam aber sicher. Jetzt im Nachhinein kenne ich die Ursache meines Problems: "Saugverwirrung", hervorgerufen durch Schnuller und Flaeschchen. Lorenzo wusste mit der Brust nichts anzufangen.

Am Abend des zweiten Tages sagte mir eine Schwester, dass meine Brustwarzen zu klein seien (was absolut nicht stimmt) und gab mir ein Stillhuetchen. Mit diesem trank Lorenzo endlich meine Milch. Ich konnte die Vormilch durch das durchsichtige Stillhuetchen sehen und fuehlte mich erleichtert. Die Waage jedoch zeigte immer noch nichts an und wieder gab man das Flaeschchen.

Am vierten Tag verliess ich endlich das Krankenhaus und hatte die Aufgabe vor mir, Lorenzo das Stillhuetchen abzugewoehnen und ihm beizubringen, wie man richtig an der Brust trinkt. Eine Hebamme hatte mir gesagt, dass ich ganz normale Brustwarzen habe und dass es fuer das Baby wichtig sei, meine Brust zu riechen, und die Brustwarze zu fuehlen und zu schmecken.

Als ich zu Hause war stillte ich Lorenzo so oft und solange er wollte, sei es Tag oder Nacht, und unterliess das doppelte Wiegen, das keinerlei Sinn hat und einen nur nervoes macht, was zur Ursache haben kann, dass die Milch weniger gut fliesst. Nach 2-3 Tagen gelang es mir mit unendlich viel Geduld Lorenzo so weit zu bringen, dass er ohne Stillhuetchen an der Brust trank. Die muenchner Freundin hatte mir am Telefon gesagt, dass das Stillhuetchen eine negative Auswirkung auf die Milchbildung haben kann, daher hatte ich einen weiteren Grund, es Lorenzo abzugewoehnen. In dieser Woche brauchte er fuer jede Stillmahlzeit eine Stunde und dann schlief er vier Stunden lang. Er machte regelmaessig die Windeln voll und nass und alles war in Ordnung.

An seinem zehnten Lebenstag mussten wir zur Kontrolle zum Krankenhaus gehen. Dort wurde festgestellt, dass Lorenzo seit er zu Hause war, 150 gr verloren hatte. Er wog daher 2,760 kg.

Der Primar liess ihn sofort ins Krankenhaus einweisen, und auch ich blieb natuerlich bei Lorenzo. Sie hatten mir einen grossen Schrecken eingejagt und ich sah mich als Rabenmutter, die ihr Baby eines langsamen Hungertodes sterben liess, ohne dass es ihr auffaellt. Der Primar verschrieb "sechs Brustmalzeiten taeglich, jeweils 10 Minuten pro Brust." Wenn Lorenzo in diesem Zeitabstand nicht die vorgeschriebenen 80 gr pro Brustmahlzeit getrunken hatte, musste der Rest zugefuettert werden.

Ich liess mir von zu Hause das Buch der LLL bringen und als ich es las, war ich sehr erleichtert, da es mir eine konkrete Hoffnung gab, mein Problem zu loesen. Ich begann zu verstehen, wie es moeglich sei, ein so dickes Buch ueber dieses Thema zu schreiben. Nach nur 23 Stunden Krankenhausaufenthalts hatte Lorenzo 110 gr zugenommen. mit der Pulvermilch. Meine Milch wurde natuerlich zusehends weniger und die Krankenschwestern sagten mir, dass ich keine Milch habe. Am zweiten Tag nahm Lorenzo von mir nur 5 gr und bei der letzten Stillmahlzeit bevor wir das Krankenhaus verliessen, null Gramm. Ich fragte einen Kinderarzt waehrend der Visite, ob man etwas machen koenne, um die Milchproduktion zu steigern und seine Antwort war: "Nein.".

Bevor ich das Krankenhaus verliess sagte mir der Primar woertlich:"Es ist bewundernswert, dass Sie stillen wollen, aber lassen Sie Ihr Baby nicht verhungern".

Als ich zu Hause war, setzte ich mich mit der LLL in Verbindung, und bat um das Brusternaehrungsset, von dem mir eine Hebamme im Krankenhaus erzaehlt hatte. In meiner aussichtslosen Situation sah ich das als die einzige Moeglichkeit an, um Lorenzo von einer kuenstlichen Ernaehrung zu schuetzen, was fuer mich undenkbar war.

Die lokale Stillberaterin kam am gleichen Nachmittag zu mir und gab mir verschiedene Ratschlaege, wie zum Beispiel, zu vermeiden, Lorenzo den Schnuller zu geben und ihn so oft wie moeglich zu stillen um die Milchbildung anzuregen. Sie fragte mich, ob ich zuerst ausprobieren wollte, ihn alle zwei Stunden zu stillen, aber ich war so niedergeschlagen und Lorenzo trank bei jeder Brustmahlzeit nur 20 gr, dass ich es vorzog, sofort mit dem Brusternaehrungsset zu beginnen.

Drei Tage spaeter gingen wir zum ersten Mal zu unserem Kinderarzt, den wir ausgewaehlt hatten und er sagte, dass der Gewichtsverlust aufgrund dessen Lorenzo ins Krankenhaus eingewiesen wurde der Norm entsprach (ca. 10% des Geburtsgewichtes). Ausserdem riet er, sofort mit der Pulvermilch aufzuhoeren und Lorenzo so oft er wollte zu stillen, und nicht auf die Menge zu achten, die er jedesmal zu sich nahm. Nach einer Woche sollte man dann sehen, wieviel er zugenommen hatte. Gemaess dem Kinderarzt sollte er in diesem Zeitraum mindestens 150 gr zugenommen haben.

Ich ernaehrte ihn also nur mit meiner Milch und jetzt auch ohne das Brusternaehrungsset und nach einer Woche hatte Lorenzo 220 gr zugenommen. Jede der darauffolgenden Wochen nahm er 300 gr zu, bis zum Alter von 3 Monaten. Nach drei Wochen hatte er sein Geburtsgewicht erreicht und mit drei Monaten hatte er es verdoppelt.

Bis zu seinem neunten Lebensmonat ernaehrte er sich ausschliesslich von meiner Milch und er gedieh sehr gut. Als er sechs Monate alt war begann ich, ihm feste Nahrung anzubieten, er verweigerte aber alles, bis auf ein paar Kostproben ab dem achten Lebensmonat.

Er war also nicht verhungert, wie der Primar befuerchtet hatte.

Es ist wirklich sehr entmutigend, festzustellen, dass Krankenhauspersonal einer Babyabteilung so gut wie nichts ueber die Funktion der Brust und die Milchproduktion weiss. In den vergangenen Monaten lernte ich viele Muetter kennen, die sehr bald aufs Stillen verzichten mussten, da ihnen gesagt wurde, dass sie zu wenig Milch hatten, und dass ein Zufuettern notwendig sei.

Auch heute noch trinkt Lorenzo viel Muttermilch, sowohl tags als auch nachts (besonders praktisch finde ich, dass Lorenzo vom Anfang an neben mir schlaeft). Ich habe vor, Lorenzo so lange zu stillen, bis er nicht mehr danach fragt, da er emotionell von der Brust unabhaengig geworden ist.

Ich danke von Herzen der LLL in der Person der Stillberaterin, die mir geholfen hat.



Oktober 1996

Veroeffentlicht im Bulletin "DA MAMMA A MAMMA" n. 51 Fruehjahr 98 der La Leche League Italia

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Brusternaehrungsset: Man kauft in der Apotheke eine duenne Sonde oder ein anderes Plastikschlaeuchchen. Wenn es zu dick sein sollte, kann man einen Knoten machen, mit dem man den Milchfluss regulieren kann. Ein Ende der Sonde wird in die erweiterte Oeffneng des Saugers eines Flaeschchens eingefuehrt, sodass es den Boden des Flaechchens beruehrt, das mit ausgedrueckter (oder synthetischer) Milch gefuellt wird. Das andere Ende wird an der Brustwarze befestigt, sodass das Baby, wenn es die Brust nimmt, sowohl die Milch, die sich im Flaeschchen befindet, als auch die, die aus der Brust kommt, trinkt. Auf diese Weise regt das Baby die Milchproduktion an und man fuettert gleichzeitig zu.

Es wird jedoch davon abgeraten, diese Methode zu lange zu verwenden, da die Milchproduktion nicht nur durch die Stimulation der Brustwarzen erhoeht wird, sondern auch durch die Menge der Milch, die aus der Brust getrunken wird.



Weitere Lektuere:

"Die Verwendung des Brusternaehrungssets" - Jack Newman MD FRCPC.

Im Fuehrer der Weltgesundheitsorganisation "Stillanleitungen waehrend einer Notstandsituation" kannst Du eine Zeichnung sehen, die diese Brusternaehrungsmethode zeigt.



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