Stillen in Notsituationen

 

Zweiter revidierter Entwurf - 15 Dezember 1995

Ein Handbuch fuer Muetter

von:

Dr.Elisabeth Helsing, Regionalberaterin fuer Ernaehrung

Dr.Alieen Robertson, Beraterin, Ernaehrungsabteilung

Sig.ra Tine Dige Vinther, Beraterin, Ernaehrungsabteilung

Stillende Mutter

Ernaehrungsabteilung
WHO Regionalbuero fuer Europa
Scherfigsvej 8
DK 2100 Copenhagen
Telefono:(45) 39 17 13 62
Telefax:(45) 17 18 18



Inhaltsverzeichnis


Wichtige Anmerkung fuer den Leser:

Dieses Dokument ist noch ein Entwurf. Am World Wide Web stand eine vorherige Version zur Verfuegung, fuer die um Kommentare gebeten wurde. Diese sind auch weiterhin willkommen und sollten an die folgende Adresse geschickt werden:

Dr. Aileen Robertson
Regionalberaterin fuer Ernaehrung
WHO Regionalbuero fuer Europa
Kopenhagen
Daenemark
Fax: (45) 39 17 18 18/45 39 17 18 54
E-mail: aro(at)who.dk


Ueber die Autoren:

Dr. Elisabet Helsing kooperierte in den vergangenen dreissig Jahren mit Stillberatern, sowohl fuer Muetter als auch fuer Regierungen. Sie schrieb zahlreiche Buecher, Kapitel und Artikel ueber das Thema Stillen.

Dr Aileen Robertson machte direkte Erfahrungen in Notstandsgebieten, waehrend der kuerzlich stattgefundenen UN-Operation in Bosnien und Herzogovina, von 1993-95, als Verantwortliche des in diesem Gebiet durchgefuehrten Ernaehrungsprogramms der Weltgesundheitsorganisation.

Time Dige Vinther arbeitete in den letzten zehn Jahren in Daenemark als Stillberaterin. Sie schrieb sehr viel ueber das Thema in daenischer Sprache und vor kurzem auch im Auftrag der WHO fuer ein internationales Publikum.


Einleitung

  • Dieses Handbuch wurde fuer Dich geschrieben, die in einer Notlage das Beste fuer ihr Baby moechte


  • Das Beste, was Du fuer Dein Baby tun kannst, ist, ihm bis zum sechsten Lebensmonat nur Muttermilch zu geben


  • Nach sechs Monaten kannst Du ihm gekochtes Gemuese, Fruechte oder Haferflockenbrei geben, aber die Muttermilch sollte bis weit ins zweite Lebensjahr hinein eine wichtige Nahrungsquelle sein.

  • Wenn Du mit dem Stillen aufgehoert hast, oder wenn Du nie damit begonnen hast:

  • Denke daran, es ist nie zu spaet, um mit dem Stillen zu beginnen.

  • Dieses Handbuch soll Dir eine Hilfe dabei sein, Dein Baby sicher und korrekt zu stillen, die Milchbildung zu erhoehen oder neu einzuleiten, fallst Du mit dem Stillen aufgehoert hast.
Der Ort der Handlung

Stellen wir uns eine imaginaere Notstandssituation vor, die dich vielleicht an deine eigene Lage erinnern mag:

  • In der Provinz von Lactograd, Ruritanien, ist ein Buergerkrieg ausgebrochen. Lactograd hat zwei Millionen Einwohner.
  • Internationale Zeitungen berichten von ausgedehnten zivilen Unruhen, Massenarbeitslosigkeit, Hungersnot, Ausbreitung von Hepatitis und Cholera. Viele Todesfaelle aufgrund von Durchfall und Unterernaehrung werden gemeldet.
  • Traditionsgemaess stuetzt sich Lactograd's Wirtschaftssystem auf Mineralabbau, die Herstellung von Stahl und die Schwerindustrie. Diese Industrie ist jetzt im Verfall. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch und wenige Menschen haben genug Geld zum Ueberleben.
  • Vor dem Krieg war Lactograd in der Beschaffung ihrer Hauptnahrungsmittel Weizen und Getreidemehl zu 50% unabhaengig.
  • Da Lactograd keine Nahrungsmittel mehr erhaelt, ist der Mangel daran immer mehr an der Tagesordnung.
  • Das Trinkwasser ist nicht mehr sicher. Es gibt keine Elektrizitaet und das Holz ist knapp, da die Baeume der nahegelegenen Berge waehrend der Oelkrise gefaellt wurden. Die Provinz ist voellig von der Kueste, den Autobahnen und den Nachbarprovinzen isoliert. Jedes Komunikationssystem, mit Ausnahme von Amateurfunker-Radios wurden zerstoert und eine Reparatur ist nicht moeglich.
  • Vor der Notstandssituation stuetzte sich jeder auf das Gesundheitswesen, aber jetzt ist es nicht einmal mehr sicher, sich dorthin zu begeben. Der Gesundheitsdienst hat ohnehin keinerlei medizinisches Material mehr zur Verfuegung. Das Personal des Gesundheitswesens ist verzweifelt. Da kein industrieller Muttermilchersatz zur Verfuegung steht, fuehlen sie, dass sie nichts fuer die Muetter kleiner Babys tun koennen, die sich ans Krankenhaus wenden, weil sie keine Milch haben, oder weil sie befuerchten, dass ihre Babys nicht genug Milch von ihnen bekommen.
  • Zum Glueck arbeitet in Lactograd noch ein alter und weiser Familienarzt. Er ist sehr erfahren im Beistand bei den Entbindungen und darin, Babys am Leben und gesund zu erhalten. Die Muetter kommen nun in verzweifeltem Zustand zu ihm, um ihn um Flaschenmilch fuer ihre Babys zu bitten.
  • Er ueberrascht sie, indem er sagt, dass eigentlich keine Mutter Flaschenmilch braucht, und dass sie jetzt eine wunderbare Gelegenheit haben, wieder die Kunst des Stillens zu lernen, die ihre weiblichen Vorfahren seit jeher beherrscht haben.
  • Er versichert ihnen nochmals, das Stillen die perfekte Methode ist, um ihre Babys in einer Notlage bei bester Gesundheit zu erhalten, aber er betont auch:
Muetter brauchen Unterstuetzung beim Beginn, bei der Erhaltung und beim Wiedereinleiten des Stillens!

Die Hoererschaft ist nicht sofort davon ueberzeugt, dass Muttermilch das Beste ist, und dass alle Muetter stillen koennen. Sie stellen daher dem alten Arzt einige Fragen, um mehr darueber zu erfahren.
Dialog zwischen dem Arzt und den Muettern

Eine Mutter sagt:

Das Fuettern mit Flaschenmilch wurde lange Zeit in sehr reichen Laendern praktiziert und es scheint eine so wissenschaftliche Methode zu sein; es muss doch bestimmt die beste Fuetterungsmethode fuer mein Baby sein?

Der alte Arzt erklaert ihr:

Flaschenmilch ist nur eine grobe Imitation der Muttermilch und wird aus Kuhmilch hergestellt. Bis in die Zwanzigerjahre war sie in Wirklichkeit sehr unsicher fuer Babys. Die Aerzte wussten zu dieser Zeit sehr wenig ueber die wunderbaren Eigenschaften der Muttermilch, da diese von niemandem untersucht wurde. Bald erkannte die Industrie, dass der Muttermilchersatz ein Produkt ist, mit dem sich eine Menge Geld verdienen laesst, da Eltern immer bereit sind, Geld fuer etwas auszugeben, von dem sie glauben, dass es das Beste fuer ihre Babys sei. Unvermeidlich begann die Flaschenmilchindustrie ihre Produkte sehr aktiv zu verkaufen. Leider wurde ihnen dabei von Aerzten geholfen, die glaubten, dass kuenstliche Babynahrung besser sei, als Stillen. Die Aerzte entdeckten ausserdem, dass es fuer sie leichter war, Muettern Anleitungen zum Flaschenfuettern zu geben, als zum Stillen, worueber sie waehrend ihrer medizinischen Ausbildung nie etwas gelernt hatten.

Die Mutter ist verwundert und stellt eine weitere Frage:

Eine Krankenschwester sagte mir gerade erst im vergangenen Monat, dass sie das Glueck gehabt hatte, von der Aktion "Rettet die Babys in Ruritanien" Flaschenmilch geschenkt bekommen zu haben... Ich dachte, das sei eine sehr hilfreiche Geste dieser Wohltaetigkeitsorganisation.

Der alte Arzt erklaert:

Wenn auch die Gruende dieser Organisationen gutgemeint sein koennen, so sind es die der Flaschenmilchindustrie leider nicht. Ihr Ziel ist es, neue Maerkte zu eroeffnen und sich ihren Anteil an dem sehr konkurrenzstarken Babynahrungsmarkt zu sichern. Eine Methode zur Erreichung dieses Ziels ist es, Laender, die sich in einer Notlage befinden mit Wohltaetigkeitsartikeln zu beliefern. Dadurch, dass sie ihre Produkte mit Hilfe der humanitaeren Organisationen auf den Markt bringen, gewinnen diese Firmen an Glaubwuerdigkeit und geniessen eine freie Werbung. Ihr Firmenname wird bekannt und sie bereiten sich so fuer zukuenftige Verkaufsgelegenheiten am betreffenden Markt vor, besonders in ex-komunistischen Laendern. Meistens werden diese Produkte nicht von den Herstellern gespendet sondern von den Wohltaetigkeitsorganisationen oder sogar mit dem Steuergeld gekauft.

Die Mutter hat noch eine Frage

Die Krankenschwester sagte mir, dass in Lactograd sehr wenige Frauen Milch haben, und das auch schon vor Kriegsbeginn.

Der alte Arzt ueberlegt kurz und sagt dann:

Wuerden sie mit mir uebereinstimmen, wenn ich sage, dass die meisten unter ihnen mit dem Flaschenfuettern beginnen, nicht weil sie nicht stillen koennen, sondern vielmehr weil sie bezweifeln, genug Milch fuer ihre Babys zu haben? Diese Zweifel werden von Freunden und der Familie noch bestaerkt, indem diese die Muetter fragen, ob sie wirklich zum Stillen faehig sind. Leider sind wir vom Gesundheitswesen oft die Ersten, die ihr Vertrauen zugrunderichten, indem wir sie bald nach der Geburt ihrer Babys trennen und empfehlen, sich beim Stillen nach der Uhr zu richten, statt nach dem Baby, um herauszufinden, wann es hungrig ist. Wir Aerzte tragen wirklich viel Verantwortung, da wir uns gegenseitig in den Aerzte- und Schwesternausbildungsschulen nicht genug ueber dieses wichtige Thema belehren.

Als ich ein junger Arzt war, waren Heimgeburten ueblich. Das Baby blieb nach der Geburt bei der Mutter und normalerweise war die Oma des Kindes zur Stelle um ihrer Tochter Stillratschlaege zu geben, so wie sie selbst seinerzeit von ihrer Mutter belehrt wurde. Die heutigen Muetter geniessen keine derartige Stuetze von den weiblichen Familienmitgliedern. Stattdessen erhalten sie gutgemeinte Ratschlaege von einem leider unzureichend ausgebildeten Gesundheitspersonal. Deren Ratschlaege sind oft unangebracht und meistens sind sie nicht in der Lage, ihnen wichtige Anleitungen fuer problemloses Stillen zu geben.

Leider ist Stillen nicht etwas, was Muetter instinktiv richtig koennen. Es ist eine Kunst, die erlernt werden muss.

Eine andere Mutter kommentiert:

Mein Arzt sagte mir, dass ich muede und nervoes sei und dass meine Milch eigentlich fuer mein Baby nie ausreichend war. Waere da nicht das Flaschenfuettern die beste Loesung fuer uns beide?

Der alte Arzt antwortet:

Ich befuerchte, das stimmt nicht unbedingt. Aber wie ich schon sagte, das Gesundheitspersonal ist nicht immer ueber das Stillen ausgebildet. Frueher, als die Babys zu Hause auf die Welt kamen, war es fuer uns nicht notwendig, ueber die Physiologie des Stillens Bescheid zu wissen. Die Muetter unterstuetzten sich gegenseitig, ohne unsere Hilfe. Mein Wissen habe ich den Muettern zu verdanken, die ihre Kinder zu Hause auf die Welt gebracht hatten und ihren weiblichen Helfern. Heute koennen alte Aerzte, wie ich, die Erfahrungen uebers Stillen gesammelt haben, sicher hilfreich sein, indem sie ihr Wissen an andere Aerzte weitergeben. Einige meiner Kollegen sind offen gestanden ziemlich unsicher darueber, was sie einer Mutter sagen sollen, die glaubt, zu wenig Milch zu haben, oder die ueber wunde Brustwarzen klagt. Daher empfehlen sie, das Baby mit der Flasche zu fuettern, um nicht zu riskieren, einen falschen Ratschlag zu geben. Viele von ihnen wurden von Vertretern der Babynahrungsindustrie besucht, die ihnen beteuern, wie sicher und gut ihre Produkte seien.

Eine Mutter hat ein anderes Problem:

Ich habe abgenommen und esse nicht ausreichend. Daher bin ich sicher, dass ich nicht genug Milch fuer mein Baby habe.

Der alte Arzt beruhigt sie:

Es mag ueberraschend klingen, aber sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ihr Gewichtsverlust hat wenig Auswirkungen auf Ihre Stillfaehigkeit. In der letzten Zeit wurden viele Studien gemacht, die zeigen, dass die Faehigkeit der Frauen, genug Milch fuer Ihre Babys zu bilden, bemerkenswert stark ist. Erfahrungen waehrend extremen Hungersnoeten haben gezeigt, dass man sehr stark unterernaehrt sein muss, bevor die Milchmenge darunter leidet. Ihr Gewichtsverlust ist bei weitem nicht so stark, dass es ihre Faehigkeit, genug Milch zu bilden, beeinflusst. Der Mensch ueberlebte viele Kriege und Notlagen, ohne Flaschenmilch!

Dieses Problem macht vielen Muettern Sorge:

Aber wir koennen uns jetzt kein frisches Fleisch mehr leisten. Unsere Diaet besteht hauptsaechlich aus den Rationen der Wohltaetigkeitsorganisationen. Bestimmt essen wir so schlecht, dass die Qualitaet unserer Milch nicht gut ist.

Der alte Arzt beruhigt sie:

Fleisch ist kein lebensnotwendiger Teil einer gesunden Diaet. Vegetarier sind oft gesuender als die, die viel Fleisch essen. Ich stimme mit ihnen ueberein, dass die Essrationen der Wohltaetigkeitsorganisationen nicht sehr gut schmecken und mit der Zeit monoton werden. Diese Rationen enthalten aber ausreichend Naehrstoffe, und normalerweise werden schwangere und stillende Frauen bevorzugt, wenn zusaetzliche Rationen ausgeteilt werden. Die Studie, von der ich ihnen vorhin erzaehlt habe, und die unter anderem in Gambia, Bangladesh und dem Sudan gemacht wurden, zeigen, dass gestillte Babys normal wachsen, auch wenn die Muetter chronisch unterernaehrt sind.

Eine andere Mutter hat noch eine Frage:

Mein Arzt sagte mir, dass ich blutarm bin und dass das bedeutet, dass auch mein Baby blutarm sein wird.

Der alte Arzt beruhigt sie:

Waehrend der neun Monate, die das Baby im Bauch der Mutter verbringt, speichert es viele Naehrstoffe, die es vom Koerper der Mutter nimmt. Dieser Vorrat reicht fuer einige Zeit nach der Geburt. Man sollte versuchen, selbst genug zu essen, um diesen Verlust der eigenen Gesundheit wegen auszugleichen. Dafuer braucht man keine besonderen Lebensmittel. Einfaches Gemuese wie Karotten, weisse Rueben, Bohnen, Erbsen, Kartoffeln und nicht zu vergessen, Brot(!) sind gute Quellen von Vitaminen, Mineralstoffen und Proteinen. Der Koerper leitet diese Naehrstoffe auf sehr wirkungsvolle Weise aus dem Blutstrom in die Milch.

Eine Mutter hat eine andere Frage:

Stimmt es, dass psychologischer Stress die Milchbildung negativ beeinflusst? Mir wurde das schon so oft gesagt und ich bin sicher, dass ich in dieser schrecklichen Zeit gestresst bin.

Der alte Arzt beruhigt sie:

Einige Muetter fuehlen tatsaechlich, dass akuter Stress eine negative Auswirkung aufs Stillen hat. Aber dieser Effekt ist nur voruebergehend: Wenn das vorkommen sollte, sollte man nicht mit dem Stillen aufhoeren, sondern das Baby an die Brust legen, auch wenn es scheint, dass keine Milch da ist. Sie ist da, auch wenn der Milchflussreflex gehemmt ist. Man biete weiterhin die Brust an und die Milch beginnt erneut zu fliessen. Die Brust anzubieten kann in sich selbst ein Mittel gegen den Stress sein, da Stillen normalerweise sowohl auf die Mutter als auch auf das Baby eine beruhigende Wirkung hat. Ich erlebte manchmal, wie Leute faelschlich glauben, dass Muetter, die vor der Notlage gestillt hatten, jetzt ploetzlich eine Muttermilchersatznahrung brauchen. Sehr wichtig ist, weiterzustillen und jegliches Angebot von Muttermilchersatznahrung abzulehnen, wie gut gemeint das Angebot auch ist. Wenn man die Flaschenmilch trotzdem bekommt, sollte man sie selber trinken oder sie mit dem Essen fuer die ganze Familie mischen, wo sie keinen Schaden anrichten kann.

Eine Mutter wundert sich:

Ist es denn in einer Notsituation noch gefaehrlicher mein Baby mit Flaschenmilch zu fuettern?

Der alte Doktor bestaetigt:

Ja, es gibt im Moment tatsaechlich zahlreiche spezifische Probleme mit dem Flaschenfuettern. Man weiss nie, wann man mit seinem Baby in jeglicher Art von Bunkern leben muss, wo vielleicht die Wasser- und Elektrizitaetzufuhr unterbrochen ist. Es gibt keine Garantie dafuer, sicheres und sauberes Wasser oder auch nur den Brennstoff, der fuer die fuer ein sicheres Flaschenfuettern notwendige Sterilisation gebraucht wird, zu erhalten. Wie sie wissen, ist es oft schwierig, fuer sein Baby genug Flaschenmilch zu bekommen. Der Lebensmittelmarkt ist zusammengebrochen und eine regelmaessige Belieferung mit Muttermilchersatz ist nicht gesichert.

Einige von Ihnen koennen sich den hohen Marktpreis der Fertigmilch nicht leisten, wegen des niedrigen Lohns, und einige haben ueberhaupt kein Geld mehr zur Verfuegung. Der Vorteil der Muttermilch ist, dass sie regelmaessig keimfreie, hochwertige Naehrstoffe liefert und nichts kostet. Muttermilch hat die Eigenschaft, Durchfall und viele andere Krankheiten, wie Infektionen der Atmungsorgane vorzubeugen. Flaschengefuetterte Kinder hingegen sind einem erhoehten Risiko von Infektionen ausgesetzt und sie geniessen nicht den Schutz der vielen antiinfektiven Faktoren der Muttermilch.

Viele der Frauen beginnen jetzt, ueberzeugt zu sein:

Das scheint zu bedeuten, dass unsere Milch eigentlich besser ist als die Flaschenmilch?

Der alte Arzt bestaetigt das:

Ja, zweifellos! Ihre Milch "lebt" waehrend die industrielle Muttermilchersatznahrung "tot" ist. Muttermilch enthaelt viele aktive Stoffe, die entweder die Keime und Bakterien, denen ihr und ihre Babys dauernd ausgesetzt seid, abzutoeten oder sie daran hindern, in den Koerper des Babys einzudringen. Muttermilch enthaelt ausserdem die richtige Art und Menge von allen Naehrstoffen, die die Babys brauchen, inklusive Proteine. Die Zusammensetzung der Muttermilch aendert sich im Verlauf einer Brustmahlzeit. Am Beginn einer Mahlzeit schaut sie duenn und blaeulich aus, aber sie gibt dem Baby alle notwendigen Proteine, Vitamine, Mineralstoffe und Wasser. Das bedeutet, dass das Baby kein zusaetzliches Wasser aus der Flasche braucht. Gegen Ende der Brustmahlzeit schaut die Milch cremig aus und gibt dem Baby Fett und zusaetzliche Energie.

Jetzt sind die Muetter ziemlich ueberzeugt:

Wir glauben, was sie uns sagen und wir wollen stillen, aber wir wissen immer noch nicht, was wir tun koennen, um genug Milch zu haben.

Der alte Arzt zieht ein Buechlein aus seiner Tasche, das dem vorliegenden sehr aehnlich ist und sagt:

Warum lesen sie nicht dieses Handbuch, das die Grundsaetze zum Stillen erklaert und Richtlinien enthaelt, wie man dabei vorgehen soll. Wenn sie, nachdem sie es gelesen haben, immer noch Fragen haben, sollten sie jemanden des Gesundheitspersonals fragen, von dem sie wissen, dass er/sie etwas vom Stillen versteht, oder eine andere Mutter, die erfolgreich gestillt hat. Stillen ist oft eine Sache der Zuversicht und des Vertrauens, daher ist das Wichtigste, was sie brauchen, ein Ratgeber, der sie ermutigt und der weiss, worum es geht. Man sollte nicht auf diejenigen hoeren, die aus diesem oder jenem Grund sagen: "Du wirst bestimmt deine Milch verlieren!" Man vergesse nie: Alle Frauen, die ein Kind zur Welt gebracht haben, haben Milch. Die Erhaltung der Milchproduktion verlangt Zuversicht und Wissen. Die notwendigen Kenntnisse kann man sich aus diesem Handbuch holen, aber das Vertrauen in seine Stillfaehigkeit muss man in sich selbst aufbauen. Mit der Zeit ist der eigene Erfolg der beste Weg, Selbstvertrauen zu gewinnen.


Stillanleitung

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Frauen auch unter starkem und langandauerndem physiologische und psychologische Stress weiterstillen koennen. Die meisten Stillprobleme sind auf die folgenden drei Faktoren zurueckzufuehren:

  • Fuettern nach Zeitplan
  • Falsche Stillposition
  • Mangel an Vertrauen in ihre Stillfaehigkeit der Mutter
Alle drei Punkte sind leicht zu korrigieren, wenn man nur weiss, wie. Dafuer braucht man die Informationen, die man in diesem Handbuch vorfindet und man sollte wissen, dass noch mehr Informationen eingeholt werden koennen, zum Beispiel bei der Weltgesundheitsorganisation und der UNICEF. Mit dem richtigen Wissen kann man Probleme loesen, oder sogar vorbeugen.

Die Brust

Die Brust ist in Wirklichkeit eine Druese, die aus 15-25 separaten, verzweigten Segmenten (siehe Zeichnung) besteht. Diese sind von Stuetz- und Fettgewebe umgeben. Entlang der kleinen ballonaehnlichen Blaeschen sind milchbildende Zellen aufgereiht. Diese Milchblaeschen (Alveolen) sind kleine Milchkammern, die traubenfoermig um jedes Zweigende gruppiert sind. Milchgaenge fuehren von den Milchblaeschen zu immer breiter werdenden Kanaelen, die sich genau hinter den Oeffnungen zur Brustwarze in den Milchsee oder Vorratsreservoir erweitern.
Die Brust Eine vergroesserte Milchblaeschentraube
Skizze 1 Die Brust. Eine Milchblaeschentraube wurde vergroessert

Die Milchproduktion

Das Saugen des Babys an der Brust bewirkt, dass im Gehirn der Mutter Hormone ausgeschuettet werden, die die Milchbildung regulieren. Je oefter das Baby die Brust anregt und Hormone durchs Saugen freigegeben werden, desto mehr Milch wird produziert. Je mehr Milch aus der Brust getrunken wird, desto mehr wird davon gebildet. Wenn, im Gegenteil, das Saugen des Babys beschraenkt wird, geht die Milchbildung zurueck.

Das bedeutet, dass man, wenn man versucht, das Stillen auf eine gewisse Anzahl von Mahlzeiten zu beschraenken oder die Dauer der Stillmahlzeiten zu limitieren, dem Koerper die Information weitergibt, eine beschraenkte Milchmenge zu produzieren, und es kann zur Folge haben, dass das Baby nicht genug Nahrung erhaelt. Wenn man es stattdessen dem Appetit und den Beduerfnissen des Babys erlaubt, zu bestimmen, wie oft und wie lange es an der Brust trinkt, wird sich die Milchproduktion den Beduerfnissen des Neugeborenen anpassen.

Die Brust ist nie voellig "leer". Normalerweise laesst das Baby etwas Milch in der Brust. Wahrend das Baby saugt, ist die Milchproduktion sehr intensiv, und geht nach der Brustmahlzeit weiter. Wenn die Brust sehr voll ist und die Milchblaeschen ausgedehnt sind, wie kleine volle Ballons, wird die Milchproduktion gebremst.

Die Milchzusammensetzung aendert sich waehrend der Stillmahlzeit von der waessrigen Vordermilch am Anfang zu der fettreichen Hintermilch gegen Ende. Die Zusammensetzung und Menge der Milch aendert sich auch im Laufe des Tages und der Monate.

Wie man den Beduerfnissen seines Babys entgegenkommt

  • Dein Baby ist eine einzigartige Persoenlichkeit, es gibt keines, das ihm gleicht. Der Nahrungsbedarf variiert stark von Baby zu Baby. So, wie sich die Zusammensetzung der Milch im Laufe eines Tages und mit der Zeit aendert, so auch die Beduerfnisse des Baby's. Zum Glueck sind Neugeborene in der Lage, die Nahrungsaufnahme perfekt ihren Beduerfnissen anzugleichen.
  • Biete dem Baby die Brust an, sooft es Anzeichen von Hunger oder Unbehagen zeigt, sei es bei Tag oder Nacht, vom ersten Lebenstag an. An einigen Tagen mag dein Baby zehn- bis zwoelfmal oder noch oefter gestillt werden und an anderen Tagen genuegen ihm sechs bis acht Stillmahlzeiten.
  • Warte nicht bis das Baby schreit, bevor du es an die Brust legst.
  • Halte dir vor Augen, dass es, wenn du dem Baby einen Schnuller gibst, oder es fest wickelst, schwierig ist, die Gesten zu erkennen, die Babys normalerweie machen, wenn sie hungrig sind. Hungrige Babys drehen den Kopf zur Seite, fuchteln mit ihren Aermchen und beruehren ihren Mund mit den Haenden, wobei sie Speichel absondern und sie machen mit Mund und Zunge Saugbewegungen, so als ob sie sich eine schoene Stillmahlzeit vorstellen wuerden. Sie haben tatsaechlich viele Mittel um ihren Hunger mitzuteilen - schreien ist nur ihr letzter, verzweifelter Ausweg.
  • Vergiss nicht, dass Muttermilch leichter und rascher verdaut wird, als Flaschenmilch, daher wird das Baby wahrscheinlich oefter an der Brust gefuettert werden wollen, als wenn es Flaschenmilch trinken wuerde.
  • Akzeptiere, dass die meisten Babys auch nachts Muttermilch brauchen. Um das zu vereinfachen, ist es ratsam, das Baby nahe bei deinem Bett zu haben, damit du es im Bett stillen kannst, waehrend du selbst doest. Das ist nicht gefaehrlich, man passt in dieser Situation instinktiv auf das Baby auf. Stillen entspannt, sodass man sich dabei ausruhen kann, auch wenn man selbst nicht gleich einschlaeft.
  • Lass das Baby saugen, bis es satt ist, und richte dich beim Stillen nicht nach der Uhr. An einigen Tagen ist das Baby schnell fertig und an anderen saugt es laenger. Es kann sein, dass es beim Trinken Pausen einlegt oder dass es stetig und ohne Pause saugt. Du wirst mit der Zeit die Geraeusche kennenlernen, die es macht, wenn es schluckt und insbesondere, ob es noch Milch von der Brust trinkt. Wenn das Baby korrekt angelegt ist (siehe unten), wird es die Brustwarze nicht verletzen, selbst wenn es oft und lange saugt.
  • Wenn dein Baby von sich aus die Brust loslaesst, mach eine Pause und versuche dann, dieselbe Brust nochmals anzubieten um sicher zu gehen, dass das Baby so viel von der fettreichen Hintermilch erhaelt, wie es braucht. Wenn das Baby dann die erste Brust verweigert, biete ihm die andere an. Wenn auch dieses Angebot abgelehnt wird, bedeutet das, dass es genug getrunken hat.
  • Biete am Anfang jeder Stillmahlzeit die Brust an, mit der das Baby bei der vorangegangenen Brustmahlzeit aufgehoert hat. Wenn das Baby eine Brust vorzieht, so ist das kein Problem. Tatsaechlich kann eine Brust genug Milch fuer ein Baby produzieren. Bedenke, dass Frauen erfolgreich Zwillinge und sogar Drillinge gestillt haben.
  • Versuche, deinem Baby in den ersten sechs Monaten nur deine Milch zu geben und nichts anderes. Die Muttermilch deckt in dieser Zeitspanne seinen Naehrstoff- und Fluessigkeitsbedarf. Selbst wenn es sehr heiss ist, oder das Baby Fieber hat, ist zusaetzliches Wasser nicht notwendig, wenn das Baby sooft es moechte die Brust bekommt.
  • Beachte, dass ein "normales" Wachstum bei Babys Abweichungen vom Durchschnittsgewicht der Wachstumstabellen, sowohl nach oben als auch nach unten, einschliesst! In den ersten Monaten ist eine Gewichtszunahme von 500 - 800 gr pro Monat als "normal" zu betrachten. Wenn das Baby in einem Monat weniger zunimmt, besteht kein Grund zur Panik und man braucht nicht zur Flaschenmilch zu greifen. Versuche, das Baby dazu zu bringen, oefter an der Brust zu trinken. Bitte eine erfahrene Frau, zu kontrollieren, ob das Baby gut angelegt ist und ob es richtig trinkt (siehe unten).
  • Beachte, dass Babys schubweise wachsen. Es kann jederzeit vorkommen, dass es ploetzlich einige Tage lang oefter gestillt werden moechte, wodurch die Milchbildung gesteigert wird. Babys sind sehr wohl faehig Nachfrage/Angebot zu regulieren, wenn ihnen erlaubt wird, selbst zu bestimmen, wie oft sie die Brust bekommen.
Der Milchfluss

Wenn dein Baby an der Brust saugt, werden Hormone freigegeben, die bewirken, dass die Milch in die Milchkammern hinter der Brustwarze fliesst. Dieser Reflex heisst Milchflussreflex oder "Let-down-Reflex". Oft wird dieser Reflex ausgeloest, wenn man das Baby nur anschaut oder daran denkt und die Milch beginnt zu fliessen. Umgekehrt, kann der Milchfluss voruebergehend durch Sorgen, Schmerzen, Scham oder andere negative Gefuehle (so wie die, die du in der gegenwaerigen Notlage haben kannst) verspaetet oder behindert werden.

In solchen Faellen kann der Milchfluss voruebergehend unterbrochen werden was von wenigen Minuten bis zu zahlreichen Stunden andauern kann. Beachte, dass es sich immer um eine voruebergehende Situation handelt, die immer rueckgaengig gemacht werden kann. Es ist vom medizinischen Standpunkt unmoeglich, die Milch oder die Faehigkeit zum Stillen zu verlieren.

Wie man den Milchfluss unterstuezen kann

  • Halte das Baby nahe an der Brust und erlaube ihm, oft daran zu saugen, auch wenn du glaubst, dass keine Milch da ist.
  • Vergewissere Dich, dass das Baby korrekt angelegt ist (siehe unten).
  • Denke daran, dass Stillen ein starkes Ueberlebensmittel ist und dass der Milchbildungsprozess eine sehr einfache und robuste koerperliche Funktion ist, auch beim Menschen.
  • Mache es dir bequem, wenn du dich zum Stillen hinsetzt oder -legst.
  • Kontrolliere, ob du wirklich gemaess den Richtlinien dieses Handbuchs stillst.
  • Falls du ein Problem mit dem Milchflussreflex hast, versuche herauszufinden, welche Situation diesen Reflex anregt und meide diejenige, die ihn behindert.
  • Denke daran, dass Stillen eine gute Antistressterapie fuer dich selbst und fuer das Baby ist.
Baby, das sich mit weit geoeffnetem Mund der Brust naehert Ein richtig angelegtes Baby, mit nach aussen gerichteten Lippen

Skizze 2: Wie das BAby die Brust nimmt

Wie das Baby die Milch erhaelt

Die Milch wird in Wirklichkeit nicht aus der Brust gesaugt, sonden aus den Milchseen hinter den Brustwarzen herausgedrueckt. Der Druck, den die Zunge und die Unterlippen ausueben, zusammen mit dem inneren Druck, der vom Milchflussreflex verursacht wird, laesst die Milch herausspritzen. Ein gute Ausdruecktechnik ist dem Baby nur dann moeglich, wenn es nahe genug an der Brust gehalten wird und gut angelegt ist.

Wenn man das Baby hingegen weit vom Koerper entfernt haelt, kann es nur die Spitze der Brustwarze erreichen und es muss stark saugen, nur um diese im Mund zu behalten. Dadurch kann es unabsichtlich die Haut der Brustwarze verletzen. Das ist die Ursache der meisten Faelle von wunden Brustwarzen. Manchmal bewirkt es auch, dass das Baby weniger Milch erhaelt als es braucht.

Das Anlegen des Babys - Schritt fuer Schritt

  • Mach es Dir bequem, sodass du dich entspannst. Sitze oder liege in einer Position, die es dir leicht macht, das Baby fuer laengere Zeit ganz nahe an der Brust zu halten. Es gibt viele Stellungen: liegen, sitzen, hocken..keine kann als richtig oder falsch abgestempelt werden, wichtig dabei ist nur, dass du dich entspannst und das Baby bequem zur Brust kommt.
  • Halte das Baby so, dass es den Kopf nicht drehen muss, um die Brust zu erreichen. Wer wuerde schon gerne mit verdrehtem Kopf essen? Das bedeutet, dass sein Brustkorb gegen Deinen gewendet ist, oder mit anderen Worten: Bauch gegen Bauch. Achte darauf, dass auch das Baby bequem liegt.
  • Halte das Baby so, dass es nicht an deiner Brust ziehen muss, waehrend es daran trinkt. Wenn das Baby seine beachtenswerte Saugkraft dazu verwenden muss, um die Brust im Mund zu behalten, so ist es sehr leicht moeglich, dass es deine Brustwarzen verletzt.
  • Stuetze seinen Ruecken, blockiere jedoch seinen Hinterkopf nicht. Wenn das Baby dazu gezwungen wird, die Brust zu nehmen, indem man seinen Hinterkopf mit eisernem Griff blockiert, kann es sein, dass es instinktiv versucht, sich zu befreien und sich wehrt.
  • Am Beginn der Stillmahlzeit sollte sich die Nase des Babys in gleicher Hoehe der Brustwarze befinden. Das bedeutet, dass es den Kopf etwas nach rueckwaerts bewegen muss, um die Brustwarze zu erreichen. Du kannst die Position des Babys mit seinem Po steuern.
  • Verwende nicht deine Finger, um die Nase des Babys freizuhalten. Wenn du das machst, verformst du die Brust und es kann fuer das Baby unmoeglich sein, sie richtig zu fassen. Wenn es gut angelegt ist, atmet es seitlich durch die Nasenloecher.
  • Halte oder beStillkultur die Brust nicht, so als ob sie eine Milchflasche waere. Das erschwert es dem Baby, die Brust richtig zu fassen. Dein Baby sollte einen guten "Mund voll Brust" haben, damit es zu den Milchseen kommt. Wenn es notwendig sein sollte, die Brust zu stuetzen, sollte das von unten her gemacht werden, am besten mit der flachen Hand gegen den Brustkorb. Die Finger sollten immer weit weg (sagen wir 10 cm) von der Brustwarze entfernt sein.
  • Wenn das Baby schlaefrig oder unruhig ist, kannst du es aufs Stillen vorbereiten, indem du ihm sanft Wange oder Mund streichelst oder es mit der Brustwarze beruehrst. Wenn du einen Tropfen Milch ausdrueckst und ihn auf der Brustwarze laesst, mag das seinen Appetit noch mehr erwecken. Das Baby wird daraufhin normalerweise seinen Mund weit oeffenen und oft macht es dabei Saugbewegungen mit der Zunge.
  • Wenn du siehst, dass der Mund des Babys weit geoeffnet ist, und sich die Zunge im Unterkiefer befindet, ziehe es rasch an dich, damit es die Brust fassen kann. Es kann sein, dass man mehrere Versuche machen muss, nicht immer hat man beim ersten Mal Erfolg.
  • Wenn das Baby veraergert oder hungrig war, oder schrie, als man es an die Brust nahm, kann es vorkommen, dass die Zunge oberhab der Brustwarze zu liegen kam, wodurch es ihm unmoeglich ist, die zum Auspressen der Milch notwenigen Bewegungen mit dem Mund zu machen. Versuche, das Baby zu beruhigen, bevor du neuerlich versuchst, es anzulegen. Manche Babys protestieren jedesmal, wenn man sie an die Brust nehmen moechte. In diesem Fall sollte man versuchen, ihm die Brust fast unbemerkt zu geben, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. Wenn das Baby eine Brust vorzieht, gib sie ihm! Es kann sein, dass du etwas einseitig aussiehst, aber dem Baby schadet es nicht.
  • Merke: Das Baby soll zur Brust kommen, nicht die Brust zum Baby.
Checkliste fuers Anlegen des Babys
  • Sein Mund sollte weit geoeffnet sein und die Lippen auswaerts gerichtet.
  • Wenn es gut angelegt ist, druecken Lippen und Gaumen muehelos einen Teil des Brustwarzenhofs.
  • Die Zunge des Babys sollte sich im Unterkiefer befinden, sodass sie eine wellenfoermige Bewegung ausuebt, die bewirkt, dass die Milch herausspritzt wenn die Milchseen gegen den Gaumen gedrueckt werden
  • Es kann sein, dass man die Zunge zwischen der Lippe und der Brust sieht.
  • Das Baby saugt langsam und gleichmaessig und die Bewegung kann sich bis zu den Ohren hin ausdehnen! Haeufig sieht oder hoert man das Baby schlucken.
  • Da es sehr nahe am Koerper gehalten wird, kann es vorkommen, dass Nase und Kinn die Brust beruehren. Man braucht nicht zu befuerchten, dass es keine Luft bekommt. Die Nasen der Babys sind so geformt, dass diese in der beschriebenen Stillposition atmen koennen. Manchmal kann es vorkommen, dass ein Baby beim Atmen Schwierigkeiten hat und es reagiert, indem es sich wehrt. Meistens wird das dadruch ausgeloest, weil es seinen Kopf nicht frei bewegen kann, zum Beispiel, weil dieser von der Hand eines Erwachsenen blockiert wird.
  • Wenn das Baby korrekt angelegt ist und die Milch fliesst, ist Stillen nicht schmerzhaft.
Ein Beispiel, wie Zwillinge positioniert werden koennen

Stillposition im Liegen

Einige gute Stillpositionen

Wie man mit dem Stillen beginnt

Ideal waere es, wenn das Baby gleich nach der Geburt, sobald es dazu bereit ist, seine erste Stillmahzeit erhaelt. Wenn Mutter und Baby sofort nach der Geburt im Haut-zu-haut-Kontakt bleiben bis das Baby alleine den Weg zur Brust gefunden hat, sich daran festsaugt und das erste Mal die Milch seiner Mutter trinkt, so haben beide den bestmoeglichen Start. Wenn das nicht moeglich sein sollte, dann braucht man sich keine Sorgen zu machen. Der Prozess, von selbst die Brust zu finden und zu nehmen kann auch spaeter nachvollzogen werden, sogar mehrere Wochen nach der Geburt, wenn das Baby nackt, oder nur mit einer Windel bekleidet, auf die warme Haut der Mutter gelegt wird und ihm erlaubt wird, seinem Instinkt zu folgen. Man erwarte sich keine sofortige Reaktion, es kann einige Stunden dauern, bis sich das Baby erinnert, was von ihm erwartet wird. Man sollte immer versuchen, alles so zu programmieren, dass man mit seinem Baby von Anfang an 24 Stunden am Tag beismamen ist. Das gibt einem Gelegenheit zu lernen, wie das Baby seine Beduerfnisse mitteilt. Die Infektionsgefahr wird dadurch gesenkt, was in einer Notlage von noch groesserer Wichtigkeit ist.

Man glaubte, dass gewickelte Babys von aeusserlichen Infektionen geschuetzt seien. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafuer. Ein fest gewickeltes Baby hat Schwierigkeiten, sich zu bewegen und sich der Mutter mitzuteilen und es ist nicht leicht, so ein steifes, kleines Buendel bequem an die Brust zu legen. Es ist vorzuziehen, das Baby locker in eine Baumwollkleidung oder in einen warmen Schal zu wickeln, oder als Kompromissloesung nur den unteren Teil seines Koerpers zu wickeln und die Arme und den Kopf bewegungsfrei zu lassen.

Habe keine Bedenken, das Baby mit zu dir ins Bett zu nehmen, wenn du glaubst, dass das bequemer ist. Es besteht kein Risiko, das Baby zu "ersticken".

Es ist nicht notwenig, die Brustwarzen oder die Brust vor dem Stillen zu waschen. Muttermilch ist ein sehr wirksames Desinfektionsmittel. Seife, Desinfektionsmittel oder Alkohol entfernen das natuerliche Hautoel und erhoehen das Risiko von wunden Brustwarzen.

Wie funktioniert die Relaktation

Wenn das Baby beginnt, an der "leeren" Brust zu saugen, ob man jetzt seine Mutter ist, oder nicht, bewirkt das, dass das Gehirn der Mutter die Produktion von milchbildenden Hormonen einleitet. Man kann den genau gleichen Effekt bewirken, wenn man die Milch mit der Hand ausdrueckt (siehe unten). Auch wenn man selbst, oder der Vater des Babys die Brustwarze sanft streichelt und sie zwischen zwei Fingern rollt, bis sie sich aufrichten, beginnt die Brust Milch zu bilden. Diese Uebung muss aber oefter gemacht werden, als bei der Gelegenheit des Liebesaktes. Wenn zum Beispiel eine Mutter, die sich darauf vorbereitet, ein Baby zu adoptieren und die viel Zeit dafuer hat, kann sie diese Uebung zweimal taeglich machen, zum Beispiel beim An- und Ausziehen.

Wenn das Baby an die Brust genommen wird, ueben sein Mund, der Gaumen und das Kiefer genuegend Reize auf das Brustdruesengewebe aus, um die Milchbildung einzuleiten oder zu erhalten, vorausgesetzt, es akzeptiert die Brust.

Bei der Relaktation dauert es normalerweise ein bis sieben Tage bis die Milch zu fliessen beginnt und zwei bis sechs Wochen, bis die Mutter voll stillen kann. Wenn die Milchbildung eingeleitet wird, kann es sogar etwas laenger dauern.

Relaktation: Schritt fuer Schritt

  • Fasse den Entschluss, einen Versuch zu machen.
  • Sorge dafuer, dass du keine anderen dringenden Verpflichtungen oder Hausarbeiten hast, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangen. Wenn du irgendwelche Verpflichtungen hast und du fuer weitere Kinder zu sorgen hast, solltest du versuchen, einen netten Babysitter zu finden der sich um sie kuemmert.
  • Versuche, wenn es dir gelingt, etwas Fluessigkeit aus der Brust zu druecken. Wie auch immer diese Fluessigkeit ist, oder aussieht, das Baby wird sie moegen und damit gedeihen. Wenn nichts herauskommt, gebe einige Tropfen von gespendeter Muttermilch oder Flaschenmilch auf die Brustwarze. Halte das Baby dann in einer guten Position, wie oben beschrieben und versuche, ihm die Brust zu geben.
  • Wenn das Baby sich weigert, an der Brust zu saugen, aus der nichts kommt, kannst du ein Brusternaehrungsset als "zusaetzliche" Brust verwenden. Es handelt sich dabei um ein Plastigschlaeuchlein, das zu einer Flasche oder einer Tasse mit gespendeter Muttermilch oder Flaschenmilch fuehrt (siehe Skizze). Das Schlaeuchlein wird mit einem Heftpflaster, wie die, die fuer die Operationen verwendet werden, an der Brust befestigt, mit einem offenden Ende an der Brustwarzenspitze. Der Milchfluss kann gesteuert werden, indem man die Flasche oder die Tasse hoeher oder niedriger haelt oder indem man das Schlaeuchlein einklemmt. Man kann in das Schlaechlein auch einen losen Knoten machen und diesen zur Regulierung des Milchflusses lockern oder fester machen. Wenn man das Schlaeuchlein an einer Spritze befestigt, kann man den Milchfluss steuern, indem man die Spritze betaetigt. Es kann sein, dass man bei diesem Vorgang drei oder vier Haende braucht, daher ist die Hilfe, zum Beispiel vom Vater des Kindes, normalerweise sehr willkommen. Das Baby mag nun bereit sein, der Brust den noetigen Saugreiz zu geben.
  • Einige Babys saettigen sich mit dieser Methode zu rasch, und regen die Brust nicht genug an um eine gute Milchbildung zu bewirken. Wenn das zutrifft, sollte man die Anwendung dieser Methode etwas einschraenken, sobald die eigene Milch zu fliessen beginnt. Beachte, dass nicht nur der Saureiz fuer die Regulierung der Milchmenge verantwortlich ist, sondern auch die Menge von Milch, die von der Brust getrunken wird.
  • Wenn dir dieser Vorgang Schwierigkeiten bereitet, solltest du die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben. Du kannst immer noch mittels Ausdruecken der Milch die Milchbildung anregen, und das ist oft die einfachste und leichteste Methode. Biete dem Baby weiterhin acht- bis zehnmal taeglich in regelmaessigen oder unregelmaessigen Intervallen die Brust an.
Das Brusternaehrungsset

Skizze 4: Die Anwendung des Brusternaehrungssets

Das manuelle Ausdruecken der Milch

Es ist immer gut zu wissen, wie man die Milch per Hand ausdrueckt. Wenn man die Milch manuell ausdrueckt, kann man die Milchbildung monatelang aufrechterhalten. Einige Muetter stellen fest, dass sie sogar mehr Milch bilden, wenn sie diese mit der Hand ausdruecken, als wenn das Baby saugt!

Das manuelle Ausdruecken der Milch kann nuetzlich sein, wenn

  • dein Baby voruebergehend nicht gestillt werden kann
  • du einen ernsthaften Milchstau hast
  • die Brustwarzen sehr wund sind
  • ein Fruehgeborenes voruebergehend zu schwach zum Saugen ist.
  • man aus irgendeinem anderen Grund die Milchbildung anregen moechte.
Wenn man die Milch aus beiden Bruesten gleichzeitig ausdrueckt, bewirkt das oft eine hoehere Milchbildung als wenn man jeweils eine Brust ausdrueckt.

Es kann nuetzlich sein, dich von Zeit zu Zeit darin zu ueben, Milch auszudruecken, auch wenn du viel davon hast. Du bist dann vorbereitet, falls du waehrend der derzeitigen Notlage unerwartet mit Problemen konfrontiert wirst.

Das manuelle Ausdruecken der Milch - Schritt fuer Schritt

  • Wasche eine Plastik- oder Metallschuessel oder einen anderen Behaelter gut aus. Wenn du die Moeglichkeit hast, Wasser zu kochen, wird das Gefaess innen einfach dadurch sterilisiert, indem man das Wasser zum Kochen bringt. Ein Nachteil der Glas- und Keramikbehaelter ist, dass Milchfett an der Gefaesswand haften bleibt und dadurch dem Baby entzogen wird, das dadurch wertvolle Naehrstoffe verliert. Der Gebrauch von Plastikbehaeltern loest dieses Problem, da Milchfett nicht an der Oberflaeche aus Plastik haftenbleibt.
  • Wasch dir die Haende und waehle eine bequeme Position (stehend, sitzend oder liegend), und lehne dich leicht vornueber.
  • Rege den Milchflussreflex an, indem du die Brust leicht massierst. Streiche sehr sanft vom Brustansatz bis hin zur Brustwarze.
  • Drehe jetzt die Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger. Warme Brustumschlaege, die auch die Brustwarze mit einbeziehen, kann dabei helfen, dass sich die Schliessmuskeln von denen die Brustwarzenspitze umgeben ist, und die normalerweise zusammengezogen sind, um zu verhindern, dass die Milch tropft, zu entspannen. Ein heisses Bad oder eine Dusche koennen den gleichen Effekt haben (wenn man diesen Luxus zur Verfuegung hat!).
  • Lege jetzt den Daumen ueber und den Zeige- und Mittelfinger unter den Brustwarzenhof.
  • Druecke die Milchseen zwischen den Fingern, wobei du fast fuehlst, wie die Milch zu den Brustwarzenoeffnungen schiesst. Druecken und loslassen, druecken und loslassen, druecken und loslassen .... Wiederhole diesen Prozess rythmisch, um das Saugen des Babys nachzuahmen. Der innere Druck, der auf natuerliche Art durch den Milchflussreflex entsteht ist eine Hilfe dabei, die Milch zum Fliessen zu bringen.
  • Habe Geduld, da es sein kann, dass anfangs keine Milch herauskommt und vermeide festes Druecken, Ziehen und Schieben an der Brust oder den Brustwarzen. Das unterstuetzt den Milchfluss nicht, im Gegenteil, man kann sich damit sogar Schaden zufuegen.
  • Mach mit dem Druecken und Loslassen weiter bis keine Milch mehr herauskommt.
  • BeStillkultur die Finger rund um den Brustwarzenhof, um alle Milchseen zu erreichen (du kannst dabei abwechselnd beide Haende verwenden).
  • Wiederhole alles vom Punkt drei an bis beide Brueste weich sind und sich angenehm anfuehlen.
Ausgedrueckte Milch - Aufbewahrung und Fuetterung

Ausgedrueckte Milch muss in einem sauberen, geschlossenen Behaelter am kuehlsten Platz aufbewahrt werden. wegen ihrer antibakteriellen Eigenschaften kann Muttermilch gut einen Tag lang bei Zimmertemperatur an einem schattigen Platz aufbewahrt werden. Ausgedrueckte Brustmilch sollte mit einer Tasse verabreicht werden. Am Besten ist fuer diesen Zweck ein sehr kleiner elastischer Plastikbecher. Das Fuettern des Babys mit einem Becher hat den Vorteil, dass dieser sehr leicht zu reinigen ist, indem man ihn einfach waescht. Das Baby wird keiner Saugverwirrung ausgesetzt, wie es mit einem Gummisauger passieren kann, der von ihm einen voellig verschiedenen Gebrauch der Gesichtsmuskeln verlangt, als wenn es an der Brust trinken wuerde.
Baby, das mit der Tasse trinkt

Fuetterung mit dem Becher: Schritt fuer Schritt

  • Halte das Baby in einer aufrechten Position im Schoss
  • Wenn notwenig, solltest du Ruecken und Nacken des Babys mit einem Arm stuetzen. Es ist ratsam, die Arme des Babys mit einer Hand festzuhalten, damit die wertvollen Tropfen nicht ausgeschuettet werden.
  • Lehne jetzt den Becher an den Mund des Babys, und achte darauf, dass die Milch eben ist und die Oberlippe beinahe beruehrt.
  • Nun laesst du das Baby die Milch mit der Zunge lecken (wie ein Kaetzchen). Die Milch darf nicht in den Mund des Babys gegossen werden, sondern sie muss eben gehalten werden. Du wirst ueberrascht sein, wie das Baby seine eigene Technik entwickelt.
  • Habe Geduld und versuche nochmals, falls es nicht gleich beim ersten Mal gelingt. Das Baby braucht einige Zeit, bis es diese Technik beherrscht, so wie es auch auf das Stillen zutrifft.
  • Ueberlasse es dem Baby, so viel zu trinken, wie es moechte und versuche nicht, es zu zwingen. Wenn es ein Fruehgeborenes ist oder krank, kann es sein, dass es von Zeit zu Zeit eine Pause machen moechte und du solltest darauf vorbereitet sein, dass dieses Verfahren einige Zeit beanspruchen kann.
Man vergesse nie....
Der Schluessel zum erfolgreichen Stillen ist die Zuversicht und das Selbstvertrauen

WHO-Regionalbuero fuer Europa
URL: http://www.who.dk/
Am 13. Maerz 1997 revidierte Version
Uebersetzung: Ulrike Schmidleithner
Mit feundlicher Genehmigung der WHO




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