Mit kritischem Auge


Beispiele von Aussagen, die unser Vertrauen, stillen zu koennen unterminieren und uns einzureden versuchen, dass es zwei praktisch gleichwertige Methoden gibt, Babys zu ernaehren:

"Einer der positiven Aspekte des Flaschenfuetterns ist, dass sich in diesem Fall auch der Vater von Anfang an bei der Ernaehrung des Kindes beteiligen kann."

Mein kritischer Kommentar:

Das ist das gleiche als ob man sagen wuerde: "Einer der Vorteile des Rauchens ist, dass man dabei abnimmt."

Der erste Satz "Einer der positiven Aspekte" laesst glauben, dass das Flaschenfuettern Vorteile gegenueber dem Stillen habe.

Es ist sehr schoen und wichtig, dass sich auch der Vater um das Baby kuemmert, aber das sollte kein Grund sein, diesem das fuer seine Gesundheit extrem wichtige Stillen vorzuenthalten. Dieser Satz stuetzt sich wieder einmal auf die weit verbreitete Idee, dass Stillen nur eine Methode sei, um dem Baby Nahrung zuzufuehren, aber das ist nur eine der zahlreichen, nicht weniger wichtigen, Funktionen des Stillens. Die synthetische Milch kann nur versuchen, den Ernaehrungsaspekt nachzuahmen, und bis jetzt ist den Herstellern nicht einmal das gut gelungen. Fast alle anderen Implikationen des Stillens werden dem kuenstlich gefuetterten Baby vorenthalten. Vergessen wir nicht, dass die syntetische Milch nichts anderes ist als eine Protese, die nur in seltenen Faellen, wo es ernsthafte Probleme gibt, verwendet werden sollte, und nicht in dem Ausmass, wie es heute vor unser aller Augen ist.

Es gibt viele Dinge, die der Vater fuer sein Baby tun kann: er kann es wickeln, spazierentragen, mit ihm sprechen, ihm vorsingen, es baden usw. In Experimenten wurde beobachtet, dass Babys verschieden reagieren, wenn es der Vater ist, der sich ihnen naehert. Sie strampeln erfreut, oeffnen die Augen weit in Erwartung einer "starken" Emotion. Die Maenner, sowohl solche, die viel Erfahrung mit kleinen Kindern haben, als auch voellig unerfahrene, haben die Tendenz, mit ihnen anders zu spielen, als Frauen. Sie machen Aktion-Spiele, werfen sie hoch in die Luft, lassen sie auf den Knien reiten usw. ein Vergnuegen fuer die Kleinen. Wenn sie hingegen von der Mutter hochgehoben werden, entspannen sie sich, in Erwartung, beruhigt, gestillt und sanft geschaukelt zu werden. Frauen neigen instinktiv dazu, ein Baby mit den Armen zu umfangen und es sofort dicht an den Koerper zu druecken. Maenner hingegen halten das Baby meist zunaechst etwas vom Koerper entfernt. Sicherlich ist das kein Zufall. Man nimmt an, dass es fuer das Baby nuetzlich sei, auf diese verschiedene Weise von den Eltern stimuliert zu werden. Es ist anzunehmen, dass man das Baby verwirrt, wenn es keinerlei Unterschied zwischen der Art der Eltern, mit ihm umzugehen bemerkt, und dass man das nicht unbedingt als einen Vorteil bezeichnen kann.




"Die Verwirklichung des Wunsches, sein Baby zu stillen haengt davon ab, wie die Geburt verlaeuft und ob genuegend Milch da ist"

Mein kritischer Kommentar:

Dieser Satz deutet an, dass nicht alle Frauen in der Lage sind, genuegend Milch zu produzieren, um ihr Baby zu ernaehren. Viel zu oft hoert man Muetter resigniert sagen: "Ich hatte keine Milch" - "Ich hatte nicht genug Milch" - "Meine Milch ist nach wenigen Wochen weggeblieben" - "Hast Du ein Glueck, dass Du stillen kannst" usw. Die Schuld liegt nicht an den Muettern, sondern an unserer Gesellschaft, die diese "Fertigsaetze" kritiklos hinnimmt. Es ist absurd zu glauben, dass die Natur alle Saeugetiere so ausgeruestet hat, dass sie ihre Jungen problemlos ernaehren, und dabei nur den Menschen ausgeschlossen hat! Praktisch jede Frau ist in der Lage, genuegend Milch fuer ihr Kind/ihre Kinder zu produzieren. Die Ursache der Probleme ist meist nicht eine ungenuegende Milchbildung, sondern ein ungenuegend geschultes Gesundheitspersonal und viele Regeln und Vorurteile, die zusammen mit der Flaschenfuetterung aufgekommen sind:

  • Mutter und Baby nach der Geburt trennen, das heisst im kritischen Moment, der so wichtig fuer einen guten Start zum Stillen ist
  • Stillen nach Zeitplan, anstatt sich nach den individuellen Beduerfnissen des Kindes zu richten
  • Das Baby nicht korrekt an die Brust anlegen, wodurch es nicht zur Milch kommt
  • Wiegen vor und nach jeder Stillmahlzeit
  • Verwendung des Schnullers
  • dem Baby Wasser, Kamillentee oder syntetische Milch verabreichen

Tatsache ist, dass man, unabhaengig davon, wie die Geburt verlaeuft, stillen kann, und genuegend Milch da ist. Es kann vorkommen, dass man am Anfang Schwierigkeiten hat, aber normalerweise koennen die Probleme mit Hilfe einer wirklich sachverstaendigen Person, mit einigem guten Willen der Mutter und mit Unterstuetzung der Familienangehoerigen, rasch geloest werden. Die Anstrengungen zahlen sich auf jeden Fall aus!




Fuer die Muetter, die nicht stillen koennen, gibt es industrielle Milchersatzprodukte fuer jeden Bedarf

Mein kritischer Kommentar:

Diesen Satz liest und hoert man oft.

  • Sehr wenige Muetter koennen nicht stillen (weniger als 3%).
  • Die einzige Milch, die sich wirklich den staendig wechselnden Beduerfnissen des Kindes anpasst ist die Muttermilch, deren Zusammensetzung sich andauernd aendert: Vom Anfang bis zum Ende einer Brustmahlzeit, vom Morgen bis zum Abend, vom Tag eins zum Tag zwei zum Tag drei usw., von einem Monat zum anderen, von einem Jahr zum anderen. Ausserdem ist die Milch jeder Mutter genau den spezifischen Beduerfnissen ihres Kindes angepasst. Jede Pulvermilch ist in der Zusammensetzung immer gleich, daher auch unter diesem Aspekt weit vom unerreichbaren Original entfernt.




"Mein Baby haelt mich fuer einen Schnuller"


Mein kritischer Kommentar und Einladung zum Nachdenken:
Was ist ein Schnuller? Was imitiert er? Welche Funktion hat er?
Was ist eine Mutter? Wen imitiert sie? Welche Aufgabe hat sie?

Also: Wer ersetzt wen? Wer war zuerst da? Der Schnuller oder die Mutter?

Lese dazu den Artikel: "Das nicht auf die Ernaehrung ausgerichtete Saugen" von Katherine Dettwyler PhD
und "Brief an eine werdende Mutter" von mir




"Muttermilch ist besser als industrielle Milchersatznahrung"

Mein kritischer Kommentar:

Das stimmt natuerlich, aber es waere angebrachter zu sagen "Die industrielle Milchersatznahrung ist der Muttermilch weit unterlegen und unvollstaendig."

Merkst Du den Unterschied zwischen den beiden folgenden Aussagen?

  • Die Mutter, die ihr Kind stillt, macht etwas Besonderes.
  • Die Mutter die mit der Flasche fuettert, gibt ihrem Kind eine unvollstaendige Nahrung.

Der erste Satz koennte sehr wohl von einem Vertreter der Milchersatznahrungsindustrie verwendet werden. Man setzt dabei als normale Basis die kuenstliche Milch voraus und die Muttermilch als ein Optional, etwas fuer wenige Auserwaehlte. Die Mamma mit dem Madonnen-Heiligenschein. Zwischen den Zeilen wird gesagt, dass fuer normale Leute die syntetische Milch mehr als akzeptabel ist und die Konsequenzen sind vor unser aller Augen: Muetter, die nach sechs Monaten noch stillen, sind eine Seltenheit. Diejenigen, die es tun, sind ausserhalb der Norm.

Der zweite Satz hingegen kann unmoeglich von dem obigen Vertreter kommen. Wenn man diese Aussage oefter verwenden wuerde, wuerde die Zahl der Muetter, die beim ersten kleinen Hindernis das Stillen aufgeben, stark zurueckgehen. Niemand moechte seinem Kind etwas Minderwertiges geben. Alle wollen sein Bestes. Ja, meistens ist es gerade das, was die Muetter dazu bringt, mit dem Stillen aufzuhoeren und ihm kunstliche Milch zu geben. Sie haben das Gefuehl, nicht genug Milch zu haben, um ihr Baby zu saettigen und sie wollen es nicht hungern lassen. Umgeben von Leuten, die sagen: "Mach Dir keine Sorgen, es gibt ja die Pulvermilch!" und "Nicht alle haben genuegend Milch!" ist es nur ein kleiner Schritt zur Ueberzeugung zu gelangen, dass es das Beste ist, zuzufuettern.




In einer Liste, die aufzaehlt, was man alles nach der Geburt braucht, kann man lesen:

Baby´s Mahlzeit
4 Flaschen mit Sauger Größe 1, Milch-Lochung
1 Flaschenbürste/Saugerbürste
Flaschenwärmer ev. Vaporisator oder einfach die Fläschchen im Topf auskochen
2 Beruhigungssauger
2 Frotteelätzchen

Mein kritischer Kommentar:

Ich glaube, hier ist jeglicher Kommentar ueberfluessig.



© Ulrike Schmidleithner


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