"Stillen eines Fruehchens"


Unser Sohn Justin wurde im Februar 1999 Ende der 34. Schwangerschaftswoche spontan nach einem verfrühten Blasensprung geboren, für uns alle sehr unerwartet, zwei Tage nach Beginn meines Mutterschutzes. Er wog bei der Geburt nur 2125 g, war 42 cm klein. Die Ärzte entschieden, dass er für einige Tage in ein nahe gelegenes Kinderkrankenhaus überwiesen werden sollte. Unmittelbar nach der Geburt wurde er nur gewogen, vermessen und gewaschen, sofort warm eingewickelt, und dann sofort ins Krankenhaus überführt. Ich durfte ihn gerade mal einige wenige Minuten auf dem Arm halten. Die Trennung und die Angst um ihn waren das Schrecklichste, schmerzhafter als die Geburt an sich. Stillen direkt nach der Geburt? Keiner kam auf diese Idee, obwohl mein Kleiner um 3 Uhr morgens mit grossen Augen in die neue Welt schaute. Alles, was mir vorläufig blieb, war ein rasch geschossenes Polaroid-Foto von ihm, was ich die nächsten Stunden betrachtete.

Schon elf Stunden nach der Entbindung sass ich am Brutkasten meines Sohnes, der schrecklich aussah, mit Magensonde, Infusion und EKG. Er wurde mit Glukose gefüttert durch die Nase, und ich hatte nicht das Gefühl, dass er sehr viel wahrnahm. Zum Stillen war er noch zu schwach, so dass man mir riet, zum Abpumpen zu gehen, um die Milchproduktion anzuregen. Im Krankenhaus gab es eine Stillschwester, die mir einige Tipps gab, meistens aber lediglich auf Einhaltung der strengen Hygienevorschriften achtete. Im Stillzimmer knüpfte ich erste Kontakte mit anderen Müttern, die auch beim Abpumpen sassen, und zum Teil schon Monate mit ihren zu früh geborenen Babys im Krankenhaus waren. Im Krankenhaus selbst herrschte eine strenge Disziplin: Bei jedem Fütterungsgang musste das Baby zuerst gewickelt werden, die Temperatur gemessen, Nabelpflege erledigt werden, und erst dann, wenn diese Dinge getan waren, durfte man das Baby füttern, auch, wenn das Kind vor Hunger schrie, und sich bis zur Fütterung komplett verausgabt hatte. Nicht gerade ideale Ausgangsverhältnisse für eine gute Stillbeziehung. Eines der schlimmsten Erlebnisse dort war für mich, als ich und andere Mütter aus dem Zimmer ausgeschlossen wurden, wegen der Untersuchung eines anderen Babys. Wir mussten geschlagene 25 Minuten vor dem Zimmer stehen, ich konnte hören, wie mein Baby herzzerreissend brüllte vor Hunger und konnte trotzdem nicht zu ihm. Ich hab vor Wut mit ihm geheult.

Nach drei Tagen hatte ich dann endlich richtig viel Milch, und wollte gerne versuchen, Justin zu stillen. Ermuntert wurde ich von niemandem hierzu. Man zeigte mir ein, zwei Mal, wie ich ihn anlegen sollte. Ich schwitzte Blut und Wasser, weil ich mich permanent von den Schwestern beobachtet fühlte. Justin war ein richtiger kleiner Hai, er war sofort vom Stillen begeistert, war aber noch zu schwach, um die gesamte vorgeschriebene Menge aus der Brust zu holen. Vor dem Anlegen musste ich ihn wiegen, danach auch, damit man sehen konnte, wie viel er aus der Brust getrunken hatte. Dadurch fühlte ich mich natürlich auch sehr unter Druck gesetzt, denn manchmal trank er nur 20 oder 30 ml von der Brust. Oft schlief er beim Stillen ein, und ich musste ihn wieder wecken. Anfangs bekam er alle zwei, dann alle zweieinhalb, dann alle 3, und zum Schluss alle 4 h zum Essen. Er hielt sich aber kaum an diesen Essensplan, und funkte den Schwestern oft dazwischen, weil er so schrie, bis sie nicht anders konnten, und ihn fütterten. Ich versuchte, mindestens 3 mal am Tag die Brust zu geben, d.h. die drei Tag-Mahlzeiten. Ab 20:30 Uhr mussten die Mütter die Klinik allerdings verlassen. Morgens durfte man nicht vor 9 Uhr da sein. Meist war ich diese gesamte Zeit bei Justin, schaute ihm beim Schlafen zu, und verliebte mich ganz einfach in ihn. Alle 3-4 h musste ich abpumpen. Die so gewonnene Milch bekam er dann auch während meiner Abwesenheit in der Nacht. Anfangs wurde mit Fertignahrung zugefüttert, als meine Milchmenge ausreichte, bekam er nach einigen Tagen nur noch diese.

Nach 5 Tagen Gewichtsabnahme bis auf 1960 g nahm Justin endlich wieder zu ! Am 1. März wurde er entlassen, er wog 2240 g, also ca. 120 g mehr als bei der Geburt. Zuhause erhielt er zwar auch noch abgepumpte Milch, aber nur noch Muttermilch. Innerhalb von 2 Wochen hatte er 600 g zugenommen! Zu seinem theoretischen Geburtstermin am 26. März durchbrach er die 3000 g-Marke. Nach ca. einem Monat trank er dann auch nur noch Brust, was natürlich eine erhebliche Erleichterung für mich brachte. Er trank sowohl tags als auch nachts ca. alle 2-3 h. Leider war ein totales Spuckkind, oftmals ein Grund der Beunruhigung für mich. Meine sehr freundliche Nachsorge-Hebamme unterstützte mich sehr, und machte mir viel Mut beim Stillen. Sie war eigentlich die erste, die das tat. Aber meine grösste Ermunterung bekam ich von Justin selbst. Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich hätte aufhören sollen, da Justin mit wachsender Begeisterung an der Brust trank.

Als Justin fünf Monate alt war, fing ich wieder an, von 8-14:00 Uhr zu arbeiten. Justin war total problemlos, und trank bei seiner Tagesmutter abgepumpte Milch. Ich habe ca. 3 Monate abgepumpt, danach ass er mittags Gemüse und vormittags einen Obstbrei. Seit er 8 Monate alt ist, trinkt er, wenn ich arbeite, dreimal am Tag, wenn ich zu Hause bin, drei bis fünfmal. Nachts trank er auch immer noch 2-3 mal. Seitdem er 10 Monate alt ist, trinkt er nachts meist nur einmal, was für mich auch eine ganz schöne Erleichterung ist.

Mein Fazit aus bis jetzt einjähriger Stillzeit: Nicht entmutigen lassen, es gibt immer mal wieder schlimme und schwierige Tage, z.B. während Wachstumsschüben..Gerade in der Anfangszeit habe ich auch manchmal fast den Mut verloren. : Stillen ist aber nicht nur etwas ganz natürliches, es ist auch wunderbar zu sehen, wie das Baby aus der Mutter heraus ernährt wird. Es gibt einfach kein besseres Mittel, um mein Kind zum Einschlafen zu bringen, keinen besseren Tröster, keine bessere Ernährung im Krankheitsfall. Justin ist inzwischen ein lebhafter 1-jähriger, der die Welt entdeckt. Er trinkt nach wie vor von der Brust, zeigt inzwischen darauf, wenn er trinken möchte. Ich möchte ihn so lange stillen, wie er es möchte, auch, wenn ich mir früher nie hätte vorstellen können, für länger als 6 Monate zu stillen. Aber jetzt denke ich, warum nicht zwei Jahre? Ich kann das Stillen jeder Mutter nur ans Herz legen, es tut mir weh, wenn ich sehe, wie Mütter aus Unwissenheit nach 3 Monaten abstillen, weil sie keinerlei Unterstützung finden. Mir ist es gelungen, trotz eines etwas schwierigen Startes die schöne Erfahrung des Stillens für mich und mein Kind zu entdecken und zu geniessen.


(März 2000)

© Cornelia Kuehn



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