"Meine gestillte Tochter - genauso schön, wie ich es mir vorgestellt hatte"

Für mich war es nie eine Frage, dass ich mein Kind stillen werde. Warum sollte ich auf einen zweitrangigen Ersatz zurückgreifen, wo die Natur die Ernährung meines Kindes so perfekt eingerichtet hat?

Fläschchen mixen? Wasser kochen, abkühlen lassen, mischen, schütteln, Temperatur kontrollieren, während das Kind schreit und endlich seine Mahlzeit will? Meiner Tochter die perfekt auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Muttermilch vorenthalten? Riskieren, dass mein Kind von künstlicher Milch Blähungen bekommt? Nachts in die Küche wanken und anfangen, Pulver anzurühren, wo ich mein Kind bequem liegend im Halbschlaf stillen kann?

Mein Mann und ich waren uns von Anfang an einig: Beide wünschten wir uns Stillen und ein kuscheliges Familienbett.

Unsere Iris kam an einem Freitag Abend um 20.40 ohne Komplikationen zur Welt. Die Nacht über blieb ich im Krankenhaus und war froh, als der Morgen kam, denn auf dem schmalen Krankenhausbett konnte ich meine Tochter nicht zu mir nehmen. Zum Trinken hatte sie noch keine Lust. Die nette Kinderkrankenschwester half uns, aber unsere Kleine war noch zu schläfrig.

Am frühen Nachmittag, als alle Untersuchungen an mir abgeschlossen waren, gingen wir mit unserem Kind nach Hause, und dort machte sie die Augen das erste Mal richtig auf. Ihr schien die Ruhe dort ebenfalls gut zu tun. Abends legten wir Iris mit Hilfe meiner Schwiegermutter an, und endlich: sie trank. Ganz ruhig, mit kräftigen Schlucken. Ich denke, dass die Ruhe, die wir zu Hause hatten, seinen Teil dazu beigetragen hat. Meine Nachsorge-Hebamme befand Iris in bester Ordnung, und so nahm das Stillen seinen Lauf.

Anfangs tat das Stillen allerdings weh, und am Tag des Milcheinschusses waren die Schmerzen so stark, dass ich jedesmal die Zähne zusammenbeißen musste, wenn Iris trank. Langsam wurde ich verzweifelt. Sollte es jetzt immer so weh tun? Mein Mann holte spät abends Stillhütchen von einer Notdienst-Apotheke. Sie halfen etwas, aber Iris war sichtlich verwirrt.

Am nächsten Tag kam von meiner Nachsorge-Hebamme die Rettung. Sie riet mir vom Dauergebrauch der Stillhütchen ab, weil sie dem Kind das Saugen erschweren und auf Dauer die Brustwarzen ablösen können. Statt dessen empfahl sie, meine Tochter einmal anders anzulegen, damit die Brustwarzen anders beansprucht werden. Dieses erste Stillen in der anderen Haltung tat direkt viel weniger weh, und ich atmete auf.

Ab da waren alle Hürden genommen. Innerhalb kürzester Zeit war meine Brust so abgehärtet, dass es überhaupt nicht mehr weh tat, Iris zu stillen. Anfangs zog ich mich zum Stillen immer zurück, weil ich diese Minuten als etwas sehr Intimes empfand. Später machte es mir aber nichts mehr aus, vor Freunden oder beispielsweise im Restaurant zu stillen.

Ich habe das große Glück gehabt, nie mehr Schwierigkeiten zu haben. Ich bekam keine einzige Brustentzündung und keinen schlimmen Milchstau. Und ich habe bei jeder Fütterung genossen, wie schön und bequem es ist. Die anderen Frauen meines Schwangerschaftskurses stillten entweder nicht oder mit etwa zwei Monaten ab. Darüber konnten mein Mann und ich nur die Köpfe schütteln.

Das Stillen haben wir übrigens beide genossen. Mein Mann musste sich keinesfalls ausgeschlossen fühlen. Er konnte mich füttern, während ich stillte, mir das Baby reichen und beim Zurechtrücken helfen, oder einfach nur zusehen und miterleben. Die Fütterung nachts war am schönsten: da wir Iris bei uns im Bett hatten, war ich sofort wach, wenn sie Hunger bekam und ächzte. Dann hatte sie auch schon die Brust im Mund, bevor sie schreien musste. Ich stillte sie liegend und nickte oft dabei ein.

Mit etwa fünf bis sechs Monaten fütterten wir Iris zu. Ich stillte zusätzlich zu jeder Mahlzeit, abends gab es eine Gute-Nacht-Brust, und nachts hin und wieder auch einen Schluck. Am Stillen tagsüber verlor Iris zuerst das Interesse. Dann schlief sie allmählich nachts durch, und die abendliche Brust wollte sie eines Tages auch nicht mehr. So hatte sie sich mit knapp einem Jahr selbst abgestillt. Ich finde es schön, dass Iris die Zeit des Abstillens selbst bestimmen durfte. So bin ich mir sicher, dass sie nichts entbehren musste.

(September 2000)

© Britta Nowak




mappe home Index Newman Dettwyler Autoren Stillkultur Stillerfahrungen

Ulrike Schmidleithner    info(at)uebersstillen.org
Alle Rechte vorbehalten
1999 - 2013